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  • Regina Bircher

Unversucht bleibt nur geträumt.

Das Handschuhmonster in der Garage.


Ich zähle noch kurz die Hühner auf dem Stängeli durch. Der Peche (Hahn) hat sie voll im Griff. Sie haben sich schnell an das Gehege gewöhnt und versammeln sich abends brav in ihrer VIP-Lounge, um den Tag durchzugackern. Im Raum nebenan kauen die Kaninchen und die zwei Meerschweinchen verabschieden sich für heute mit lautem Pfeifen.


Jeden Abend, wenn ich mich von unserer kleinen Farm verabschiede, wird mir bewusst, dass wieder ein Tag vorüber ist und wie schnell die Zeit rast. So gehört auch der Bericht über uns im blick.ch schon zur Geschichte.


Wie überrascht waren wir über die Anfrage! Wir haben zugesagt, doch das Leben hier, der Charakter Georgiens, ist mit keinen Worten, keinem Text oder gar Film zu beschreiben. Nicht einmal zu erahnen. Erleben, leben, aushalten, mithalten, verstehen, sich erfreuen, aufregen und geniessen. Das ist es.

Die Kommentare zum Artikel in der Sonntagszeitung waren sehr unterschiedlich und gaben auch Input, sich mit einigen von ihnen auseinanderzusetzen.


Eine Auswanderung ohne Happy End, pensioniert sind sie sicher wieder in der Schweiz retour… Wir leben «ohne Limitierung». So, wie wir unsere Auswanderung wenig durchgeplant haben, so pflegen wir es weiter. Wir legen kaum Termine fest.

Wer von uns weiss heute, wie es in ein paar Jahren aussieht? Wo sich wer in welchem Zustand befindet? In der unsicheren Situation momentan ist das heute geplante schon morgen vielleicht nicht mehr realisierbar.


… Das möchte ich gerne auch mal machen, aber … Bei jedem von uns gibt es immer ein ABER, warum wir Dinge, die wir uns wünschen, nicht realisieren. Unser ABER haben wir mit der Konstellation von Zusammenhalten, ein bisschen Verrücktsein und dem Bedürfnis, gerade jetzt das Alte verabschieden und Neues anzufangen, überwunden.

Das Risiko des Scheiterns ist in allen neuen Schritten dabei, doch wir waren uns bewusst, dass «Unversucht» für uns «nur Geträumt» bedeutet.


«Das Berner Paar lebt seinen Traum in Georgien.» Wir träumen nicht mehr. Wir haben klare Vorstellungen darüber, was wir möchten und was uns guttut. Dies zu erreichen bedeutet oft, «dass Grass zu fressen», mit den Zähnen zu knirschen und sich einer Menge von unverständlichen Dingen zu stellen. Das Haus, die Bruchbude, wie im Artikel beschrieben, die Bedingungen, die Sprachbarriere, die Mentalität und so weiter. Das alles gleicht einer Wundertüte: jeden Tag ziehen wir etwas Neues raus, jeden Tag eine Überraschung. Wir nehmen das, was wir rausgezogen haben, entgegen und machen damit, was sich lässt.


… Gute Entscheidung, wünsche viel Kraft und Freude… Die Freude und die Kraft sind variable Materien. Mal schweben wir im Hoch, mal sitzen wir ganz tief. Zum Glück sind unsere Wahrnehmungen so unterschiedlich, dass wir uns dann gemeinsam in der gesunden goldenen Mitte treffen. Immer öfter. Das ist realistisch, konstruktiv und motivierend.

Dieser Kommentar, wie viele andere zum Artikel, motivieren. Danke!


….

Ich rühre die frischegelegten Eier in der Pfanne, die Katze kotzt unter den Tisch. Lady – die Hündin unseres Mitbewohners, kratzt an der Küchentüre. Den Speck habe ich verteidigt. Essbares liegenzulassen, bedeutet für uns Fasten.

Die vier Katzen sind überall. Schnell und erfinderisch. Sie haben sich in der provisorischen Küche im Freien einquartiert und sorgen für Zusatzbeschäftigung. Liebend gerne springen sie auf die frischgewaschene Wäsche im Korb. Oder sie warten auf eine Gelegenheit, etwas zu erbeuten. Eines Tages strich Irgendetwas über meine Haare. Auf der Leine in der Küche hing nebst der Wäsche frisch geschlachteter Enterich. Die Beste Diebstahl Absicherung


Einmal, in einem Moment kurzer Ablenkung, zog eine von denen die noch im Plastiksack verpackten zwei Kilogramm Rindfleisch in eine unzugängliche Ecke runter. Mit dem Besenstil jagte ich die Katze raus. Doch sie lies die Beute nicht los und sprang über die «Westernsalontür» in den Hof, wo «zufällig» die Schäferhündin stand. Damit es nicht so einfach wäre, fanden auch unsere zwei Welpen das Spiel cool. Jetzt war wieder ich am Zug und gewann diese Runde im Schlamm auf dem Hof. Das Nachtessen für unsere «Arbeiter» war gerettet.


Der Begriff «Arbeiter» gehört in Georgien zu den Fremdwörtern. Meistens heissen sie nämlich Meister oder Nachbar oder Bruder. Sie beherrschen jegliche handwerkliche Fähigkeiten. Sagen sie. Wer sich an «Ferdy, die Ameise» - Trickfilm aus den 80ern, erinnern kann, der weiss um was es geht.


Die Ratschläge erschlagen uns manchmal wortwörtlich, aber wir schmunzeln am Schluss im Bauhâusi über ihre Ideen. Wie man das Bad richtig machen soll, das WC einbauen muss, Abwasser führen etc., das wissen sie genau. Bei dem Besuch bei einem von ihnen erleichtern wir uns dann nur im Notfall in einem zusammengebastelten Verschlag mit dem Brett über einem tiefen, vollen Loch. Das WC-Papier darf nur in einen Korb geworfen werden. Bei kleiner Unachtsamkeit wird dieses zum Ziel sämtlicher Hunde auf dem Hof. Lecker.


Unsere Vorstellung, den Einheimischen Arbeitsmöglichkeit zu bieten, hat sich als reine Utopie erwiesen. Unglaublich, aber auch die Männer, welche sich über den Mangel an Arbeitsplätzen und Geld beschweren, lehnen das Angebot ab. Wie dankbar sind wir über jeden, der sich bereitstellt, für uns im Auftrag zu «arbeiten».


Jedes Projekt ist dann locker mit einer Schwangerschaft zu vergleichen.

Die Freude, jemandem zu haben, der es kann, der vielleicht begriffen hat, was wir von ihm verlangen, ist überwältigend. Die Stimmungsschwankungen begleiten uns während des ganzen Prozesses.

Die am meisten Beschäftigten bleiben jedoch wir. Kaffee kochen, mit einem, drei oder ohne Zucker, je nach dem, wer gerade am Platz ist. Das Material holen, die am Vortag über das Grundstück verstreuten Werkzeuge zusammensuchen. Materialverschwendung und Werkzeugvernichtung inklusive.

Loben, Staunen und sich zusammenreissen, wenn die verlangten 10er-Nägel nicht die richtigen sind und wir innerhalb eines Vormittags schon zum vierten Mal in die Läden geschickt wurden. Griffbereit sein, wenn einer wieder was sucht, braucht, nicht findet und irgendwo ertönt: «Regiiiinaaaaa!?» In diesen Momenten schrumpft der Magen zusammen und Brechreiz zieht nach. «Was denn schon wieder?» denke ich. Alles liegen lassen, dem Bedürfnis des «Arbeiters» nachgehen.

Das Material für das erste Baby – das Tor – war ein Paradebeispiel.

X-mal wurde noch dies und das nötig. Insgesamt 92 Stück Scheiben für den Winkelschleifer haben zwölf Extrafahrten benötigt. Der Schweisser schickte uns mal für diesen Metallwinkel, für Blech, für jenes Ornament, etc. «Reicht es, haben wir endlich alles?» «Problema ne budit, vsjo.» Nein kein Problem, wir haben alles. Zwei Stunden später war dem nicht mehr so. Wieder alles fallen lassen und zwei Griffe holen, die dann vier Tage in der Garage liegenblieben.


Überhaupt ist unser Werkzeug- und Materiallager zur Abholungsstelle mutiert. Jeder braucht immer etwas, wir selbst müssen uns oft mit Hilfe einer Telefonkette zu unserem verschollenen Werkzeug durchfragen. Auch das Arbeitshandschuhmonster ist bei uns eingezogen. Über Nacht frisst es eine Unmenge von diesen gummierten Zehnfingern. Die verzweifelte Suche am Tag danach regt auf und belustigt mich gleichzeitig. «An eueren Händen, liebe Herren, dort waren sie gestern. Fragt euch selbst.» 😉


Und dann, dann ist der Geburtstermin da. Die Übelkeit, Beschwerden, Wehen und Schmerz sind rasch vergessen. Plötzlich, wie auf ein Kommando, versammeln sich die Nachbarn, bestaunen oder kritisieren, was sie besser gemacht hätten. Aber sie heissen das «Baby» auch herzlich willkommen. Unser neuer Zaun wurde zu einem OpenAir-Kino-Anlass und ich kam mir vor, wie in einem falschen Film. Selbstverständlich den Wein auftischen, die Stühle rausholen. Drei Leute arbeiten, fünf schauen zu.

In solchen Momenten bin ich mir bewusst, dass ich selbst die Vorstellung gewählt und das Ticket gekauft habe und mir den Platz in der ersten Reihe selber gesichert habe. Am Schluss bin ich doch berührt und applaudiere mit.

Zum Nachtessen bereiten wir schon lange nicht mehr nur eine Portion mehr vor. Wenn sechs Leute am Platz arbeiten, kommen wie auf ein Signal weitere sechs pünktlich zum Essen.


Zwei Kilogramm Hackfleisch und ein halber Sack Kartoffeln sind so der Standard. Sechs Laibe Weissbrot verschwinden bei einem Mahl garantiert. Am Tisch zu zwölft sitzen und bis zu zehn Liter Wein runterspülen, ist keine Seltenheit. Was wir da bequatschen und vereinbaren, wie viele neue Sachen und Geschichten wir hören, unsere neuen Projekte vorlegen! Solche Abende zu erleben wünsche ich vielen von euch. Sie bleiben unvergesslich, herzlich und echt. Die Georgier sagen, ohne dieses Zusammensitzen wird kein Arbeitstag abgeschlossen. Nur so bauen sie den Stress ab.

Danach klettern sie oft mit riesigem Karacho auf den Traktoranhänger oder die Pferdekutsche und tuckern nach Hause. Für den Weg zu uns und retour brauchen sie mehr als zwei Stunden.


Wir wagen es. Langsam, aber wirklich langsam, nehmen wir die Arbeitsmoral hier so, wie sie ist, an. Manchmal platzen die Nerven. Sogar die Stimmung zwischen Gerold und mir kippt in kleine Konflikte um. Es ist definitiv nicht einfach. Mentalitätencrash vom Feinsten. Doch die Hilfsbereitschaft hier hält nach wie vor an.

Sobald wir selbst irgendwelcher Arbeit nachgehen, versammeln sich um uns herum die Spezialisten, reissen uns das Werkzeug aus der Hand und wollen selbst beitragen. Nicht immer sind wir begeistert. Zum Teil begreifen sie nicht mal, was wir da gerade machen.

So stosse ich oft auf entsetzte Bemerkungen von Zaza, unserem Mitbewohner:

«Es wird dir hier garantiert nicht wachsen.»

«Die Farbe hält nicht an dem Untergrund.»

«Schmeiss das ja nicht weg, lass es liegen, das kann man später brauchen…»

Es erinnert mich an die sogenannte «Stöckli Krankheit». (Im Stöckli lebten/leben oft die Bauern, welche den Hof an die Kinder weitergegeben haben. Sie wissen alles besser, kommentieren, belächeln. Ich will jetzt nicht alle auf einen Haufen werfen, doch dieses Verhalten ist bekannt.

Langsam aber knirscht es in dem Getriebe des Zusammenseins, langsam ist es an der Zeit, unsere WG aufzulösen. Die Bauarbeiten schreiten voran.



Heute machte ich mein Laptop auf, um wieder zu schreiben und erschrak. Vor einem Monat schon habe ich die ersten Zeilen geschrieben. Es ist viel passiert, wir haben den Umbau, den Garten, den Zaun, die Kanalisation und weiteres in die Finger genommen. Das alles ist neu, das alte bleibt: Zaza, unser Mitbewohner. Seine eigene Hausbaustelle ist vermutlich in Winterschlaf gefallen. Wer weiss. Leider ist auch Zazas Baumeister oft umgefallen. Nicht nur von dem Velo runter. Verfallen ist er auch dem Chacha (Georgischer Schnaps). Der unvermeidbare Kater am Tag danach wird jedoch entschuldigt.


Georgien ist ein sehr gläubiges Land. So sind die heiligen Tage so heilig, dass bis auf gutes Essen und Wein nichts angefasst wird. Und solchen Tagen gibt es viel. Sehr viel. So schreiten wir in kleinen Schritten voran. Plötzlich gaben sich die Leute einen Ruck, haben einen neuen Meister gefunden («Alkohol rührt er nicht an») und schon ist der erste Teil vom Dach runter. Der Gruppe zuzuschauen, ist ein Balsam für unsere Seelen.


Der Stacheldrahtzaun ist um drei Grundstückseiten auf etwa 340 Meter Länge präzise gezogen worden. Somit drängen keinen Schakale und Kühe mehr auf den Hof. Sieben Schafe, drei Hühner, Ente und der böse Parvovirus bei unseren Welpen waren bis dahin die Folgen ihrer Anwesenheit.


Der Stacheldraht wäre bestimmt für einige in der Schweiz ein rotes Tuch, doch das Gebüsch, welches den alten Zaun umrahmte, war viel gefährlicher. Die langen, giftigen Dornen sehen die Kühe nicht, sie verkosten die Akazien über dem Strauch und verletzen sich so schwer, dass sie Infektionen bekommen, die schlecht heilen. Auch das Zuschneiden oder teilweise Ausrupfen einiger Flügelfedern bei Hühnern ist eine Lebensversicherung. «Verlässt du das Gehege, wirst du gefressen. Punkt.» Ich musste selbst schlucken.


Überhaupt sind manche Gesetze in Georgien für uns Westeuropäer unverständlich. Wir haben den Hope (Škoda), den Zeus (Seitenwagen und Anhänger) angemeldet, um georgische Nummernschilder zu erhalten. Leicht geschrieben, kompliziert verlaufen.

Wir waren viermal in Kutaissi, total 400 Kilometer gefahren. Hier anmelden, in einem andere Teil der Stadt die erste Gebühr zahlen, zurück, Nummer auswählen, zweite Gebühren am anderen Schalter zahlen, in einem weiteren Gebäude digitalen Fahrzeugausweis abholen. Zeus und Anhänger waren eine Geschichte für sich. Diese zu erzählen überlasse ich Gerold. Die MFK war dagegen Freude pur.


So hatte ich nach fünf Stunden auf dem Strassenverkehrsamt wirklich keinen Bock darauf gehabt, das Kennzeichen für die Heimfahrt korrekt zu montieren. Mit ihren Dimensionen passen sie nicht in schweizerische Rahmen. Also hinten mit Kabelbinder angebracht, vorne hinter die Frontscheibe gelegt und los.

Etwa fünf Kilometer vor dem Zuhause stoppte uns die Polizei. Der liebe Herr in Uniform hatte kein Verständnis für mein Verbrechen. Am Schluss montierte er selbst das Kennzeichen in den Minirahmen und schreibt für seine «Arbeit» 100 GEL auf den Strafzettel. Dabei zieht er mir die ersten 10 Punkte von jährlich möglichen 100 ab. Mein Ausweis war noch warm und schon sowas.


«So was» dachte ich auch bei dem Blick auf ein entgegenkommendes Fahrzeug. Dessen Kennzeichen war mit einem breiten braunen Klebband angebracht. So, dass man kaum zwei Zahlen sah. Auf dem Schoss der Mutter im Beifahrersitz sass ein Kind. Tja, andere Länder andere Sitten.

Zaza, der uns an diesen Tagen begleitete erwähnte später trocken: " Wenn du ständig nicht das Licht an hättest, wäre es nicht passiert. Du bist zu auffällig." Bravo, es war kurz nach 19.00 Uhr, der Abend machte sich bemerkbar.


Das alles ist gewöhnungsbedürftig, ähnlich wie das Leben auf unserem Hof. Die Infrastruktur ist mangelhaft, das Bad ist grenzwertig und von der Decke in der provisorischen Küche fällt Staub und Dreck runter. Über den Kochplatten haben die Schwalben das Netzt aufgebaut.

Wenn das Wetter nicht mitspielt, wird es bei uns ziemlich ungemütlich. Und genau diese A…karte hatte meine Mutter gezogen. Von vier Wochen Aufenthalt hatte sie genau vier Tage Sonne in Marani geniessen können. Die Kälte, die Mentalität und das Verhalten der Mitmenschen waren auch für sie eine harte Nuss.


Eine «Helferin» am Bau nimmt einen ziemlich wichtigen Teil im Leben unseres Mitbewohners ein. Und sie schreibt die Geschichte mit. Stolz brachte sie einen silbrigen Kochtopf zum Bewundern. Wie glänzend und sauber sie ihn gekriegt hat. «Wow, der war nicht schwarz?» Schwarz blieben dagegen die Badewanne, die Wände und Duschvorhang. Auf der Ablage lag ein Stück Schleifpapier der Körnung 80. Von wo? Klar aus der Garage. Heute lache ich und nach unzähligen Versuchen, immer wieder mit dem Kärcher das Bad zu reinigen, habe ich es aufgegeben.


Anders geht es nicht. Irgendwann werden wir hier ganz allein sein. Wer weiss, wie es sich dann anfühlt. Das Irgendwann naht, die Arbeiten im Haus sind mit dem Aufenthalt unseres Mitbewohners nicht kompatibel.

Bis dahin ist es an uns, wie wir es handhaben.


Wir sehen die Zukunft und die gehört uns.

Wir sehen aber auch die Tage des Anfangs vor uns.

Egal wann und was gerade war: die Georgier standen uns zur Seite und in prekären Situationen waren sie für uns da. Immer. Von ihnen haben wir unzählige Kontakte, Adressen und Telefonnummern, ohne die wir aufgeschmissen wären. Win-win-Situation.

Für unsere bisherigen Besucher war es nicht einfach, die Situation hier zu verstehen. Unser Verhalten selbst und das der Georgier schon überhaupt. Nicht jedem könnten wir zumuten, in solchen Umständen und provisorischen Einrichtungen zu wohnen. Einfach ist es nicht. Doch ich muss sagen, schlussendlich haben sie es alle hervorragend gemeistert. Sie haben zu Entwicklung und Fortschritt bei einigen Arbeiten beigetragen. Und sie kommen wieder, haben sie gesagt. Ich glaube es.


Wir bleiben hier, wir reisen nicht ab. Wir bleiben die Nachbarn unseres Nachbarn. Wie ich im letzten Beitrag geschrieben habe: «Liebe deinen schlechten Nachbar, mehr als deinen Verwandten in der Ferne.» Denn er ist der erste, der mit einem Eimer eilt, wenn dein Haus brennt. Damit das Feuer nicht auf sein Haus überspringt.

Unser Feuer für Georgien brennt in uns weiter. Manchmal sind die Flammen ganz hoch, manchmal müssen wir die Glut zum Leben wecken. Weitermachen, die Pflanzen giessen, die Hühner füttern, Eier sammeln, Hundekacke und Abfall auflesen, alles liegen lassen und die Arbeit betrachten, hauptsächlich loben, waschen, kochen, mitessen, mittrinken, mit leben.


Die georgische Geschichte gleicht der Katzengeschichte mit den zwei Kilogramm Fleisch vom Anfang meines Beitrages. Durch die interessante geografische Lage streiten immer wieder fremde «Hunde» um das Land. Sie zupfen und rupfen an dem «Fleisch» und wälzen das Land im Dreck. Jedoch niemand gewinnt in diesem Kampf. Nur verliert. An Kraft, Glauben, Mut und Entschlossenheit. Zaza hat schon zweimal im Krieg sein Aufgebautes verloren. Unser Baumeister aus Abchasien wurde zum Flüchtling im eigenen Land. Dreimal hat er seine Existenz neu aufgebaut. Manche von ihnen verfallen in Lethargie, manche können einfach nicht mehr. Sie fühlen sich verarscht, alleingelassen, unverstanden und vergessen.

Ganz ehrlich, was für Probleme plagen uns? In unserer organisierten «Sicherheit» des Westens? Es ist an uns, die Leute hier mit hohem Respekt zu betrachten, ihren Stehaufmännchen-Lebenslauf in Betracht zu ziehen. Ein beleidigendes Wort ihnen gegenüber ist ein ungerechtes Wort.


Sie lachen trotzdem. Mit ihrem oftmals zahnlosen Lächeln können sie einem die Laune sofort verbessern. Wenn dich ein Georgier zum Essen einlädt, kann es sein, dass er Tage vorher selbst nichts isst, nimmt sogar Kredit im Dorfladen auf. Nur, damit du, sein Gast, seinen Mangel nicht spürst. Er will dich bewirten, so wie es sich gehört. Ganz ehrlich, wer von uns ist in gleicher Lage? Es ist leicht zu verurteilen und unsere gewohnten Massstäbe anzuwenden.

Gerold und ich haben sie weggeworfen. Das Leben in Georgien lässt uns atmen. Unseren Alltag mit georgischem Herzschlag leben, mit aller Drum und Dran. Sobald wir parat sind, unseren Freunden und Gästen das wahre Georgien näherzubringen, klärt sich einiges auf.


PS: Heute kamen Dato und Natu. Natu hätte gerne Dato gehabt, doch Dato will Natu nicht. Er hätte lieber sein Traktor repariert gehabt.

Gela kommt auch immer mit. Mit der Kutsche. Gela bedeutet georgisch Brecheisen. Gela liebt den Zucker im Gegensatz zu seinen Zähnen, die ihn deshalb verlassen haben. Fridon hat die Kugla – das Kügelchen, seine Stute – gesattelt und bringt die Arbeitsgruppe zu uns.


Natu, Dato, Fridon, Gela und Chwitscha arbeiten am Dach. Also eher die letzten vier. Natu ist hier, um schön zu sein. Heute erschient sie im Ballkleid. Ich verstehe Bahnhof. Na ja, jedem das Seine.

Zvjadi, der Schweisser, der seine Arbeit bei uns beendete um eine neue Arbeitsstelle nachzugehen, steht plötzlich auch da. Am Boden schneidet er mit dem Winkelschleifer ein Stück Eisen ab. Ohne Schutz um die Scheibe, ohne Handschuhe und ohne Rücksicht auf das Stroh und die Heuballen in der unmittelbaren Nähe.

Es funkelt wie am 1. August in der Schweiz. Ich prüfe die Distanz zwischen dem nächsten Wasserhahn und seinem Arbeitsplatz. Stelle den Eimer parat. Es sollte reichen.


Natu schwebt um Dato, Hera klaut den Abfall, Conti zupft an einer Katze, ich füttere die Hühner, Peche und den Neuen Hahn namens Tschaikowski. Peche war nicht begeistert, als ein Schönling-Konkurrent im Gehege aufgetaucht ist. Was sollte ich machen? Er war ein Geburtstagsgeschenk. Den konnte ich doch nicht töten.


Ich habe schon wieder vergessen, den Sputnik-Wasserspeicher abzustellen. Die Enten haben leider keine Freude mehr, die Enten sind von Schakalen gefressen worden. Und die Crew hat auch Hunger. 18 Stück Sandwiches geschmiert, Coca-Cola und Fanta parat gestellt, es muss süss sein.

Um 15.00 Uhr endlich kämme ich mir die Haare.

So. Das war ein normaler Tag in Marani 😊

Von irgendwo ertönt: «Reginaaaaaa!»


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