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  • AutorenbildRegina Bircher

«Ehe sie Georgien nicht gesehen haben, haben sie nichts gesehen»(J. Steinbeck)


"Damit ist schon alles gesagt.

Ich war dort, 2 Wochen in einem Land das ich nicht so erwartet hätte.

Traumhafte Landschaft eingebettet zwischen grossem und kleinem Kaukasus.

Schöne Flusslandschaften, grossartige Wasserfälle, Schluchten, heisse Quellen und immer den Blick auf den Kaukasus.

An jeder Ecke Unerwartetes.

Dann Tbilisi eine Stadt der Gegensetze von uralt bis hypermodern….


…...Es war wunderschön und hoffentlich nicht das letzte Mal.

Romi"


Diese Rückmeldung (hier ein Teil) haben wir nach dem Besuch einer Freundin aus der Schweiz erhalten.

Es erfreut und überzeugt einmal mehr, das Richtige getan zu haben.


Die Tage sind intensiv und die Flora, Fauna und Homo Georgiens halten uns auf Trab.


Ich erwache in das wunderschöne Vogelgezwitscher hinein und öffne die Balkontüre. Bevor ich die Augen im Sonnenlicht richtig aufmachen kann, sinkt mein noch brillenloser Blick zu den Füssen herunter. Ein Hühnerauge schaut mich vorwurfsvoll an. Aber nein, die Pedicure vernachlässige ich trotz des vollen Programms nicht und obwohl meine Füsse oft in Gummistiefeln verschwinden, suche ich beim Nagellack immer eine ladyhafte Farbe aus.


Den Hühnerkopf haben mir bestimmt die Hunde als Geschenk liebevoll vor die Tür gelegt.

«Herumrennen wie ein kopfloses Huhn» könnte ich mir vorstellen, doch diese Redewendung verliert beim genauen Betrachten des Kammes seine Bedeutung.

Die «Muttermutter» war es! Meine geliebte Glucke, die letztes Jahr dreimal geduldig gebrütet und mehrere kleinen Piepser auf die Welt gebracht hat! Damit hatte sie sich einen Teil meines Berichts «Der Kugelfisch im Hühnerstall» verdient.

Schade, aber mehr als die Überreste zu entsorgen, bleibt mir nicht übrig.


Doch überlegt muss es sein, wohin. Tags zuvor waren es fünf Schweinezähne.

Auch ein Geschenk, welches auf dem Holzboden so unsichtbar war, dass es für ein «Autsch!» bei den nackten Füssen gesorgt hat. Wer diese archäologische Ausgrabung, oder besser gesagt «Aufhebung des Lochs», in welches Gerold die unbrauchbaren Reste des geschlachteten Schweines vergrub, ausgeführt hat, weiss ich bis heute nicht.

Da aber die Geschenke ausblieben, nachdem unser Findling Hercules mit wilden Hunden weiterzog, klemme ich mich an der Theorie «Er war es!» fest.

So bleiben unsere zwei Hunde-Damen in meinen Augen unbefleckt.

Mit seiner Tat, bei der ein junger Hahn sein Leben lassen musste, hat uns Herkules hingegen eine Entscheidung abgenommen.

Zwei Hähne auf einem Misthaufen – das funktioniert bekannterweise nicht. Drei waren hör- und sichtbar zu viel. Aber von welchem werden wir uns verabschieden?

Klar, den Jüngsten, lassen wir herumhoppeln und herumpoppeln.

Somit ist einer der älteren Schönlinge fällig.


Peche oder Tschaikowski, beide in voller Federpracht, doch das Fleisch ist garantiert zäh. Für ein «Coq au Vin» ungeeignet. Die Wahl fällt auf Peche, den älteren der beiden.

«Njet Problema» sagen überzeugt unsere Jungs am Frühstückstisch. «Wir flössen ihm eine Stunde zuvor ein Schnäpschen ein und das Fleisch wird zart wie nie!»

Da es der Karfreitag war, beschliessen wir, die Aktion zu verlegen, doch Samstag war der Jüngling tot. Und Herkules weg. Somit bliebt der Hahn (genauer gesagt zwei) auf dem Misthaufen und der Schnaps in der Flasche.


Aber nicht für lange.


Da in diesem Jahr Gerold öfters in der Schweiz weilt, und die nächste Reise war für einen ganzen Monat geplant, beschlossen wir, beide Schweinchen vorher zu schlachten. Damit das eingesalzene Fleisch vakuumiert ein paar Wochen ruhen konnte, bevor es in die Räucherkammer ging, wenn Gerold zurück war. Die erneut immer wieder ausbrechenden Schweine, sind schon lange nicht mehr die niedlichen «jö-»Schweinchen trotzdem sollten sie nicht von umfallenden Bäumen erschlagen werden, beim Projekt «Platanen» kürzen.


Genügend Wasser blubbert bereits in der Mini-Gulaschkanone, das Fleischgeschirr strahlt in der Sonne,

Romi, unsere Freundin aus der Schweiz unterstützt uns tatkräftig und die Jungs sind nach dem Frühstück parat und entschlossen.

Unsere Gypsy war mit Liebe versorgt worden, gefüttert mit Leckereien. Nun sollte sie in unsere Nahrungskette eingegliedert werden. Geräuchert oder im Glas. Wir wissen, was wir essen.


Dankbar für diese Gabe wollen wir diesmal eine «nichtgeorgische» Art der Schlachtung vorziehen.

Doch es kam anders.

Auf weichen Sohlen schleichen sich drei nicht unter 100 Kilogramm wiegende Männer zum Stall.

Gypsy war immer eine Hinterlistige, Bissige. Trotzdem tat sie mir leid. Sie weiss es, sie spürt es, sie macht es nicht einfach, doch verfressen ist sie auch.


Wenn ein Gläschen Schnaps für einen Hahn reicht, müsste für ein Schwein etwas viel mehr reichen. Es kam anders, denn Gypsy war ein hartes Kaliber. Ein halber Brotlaib in fünf Deziliter 55-prozentigen, hausgebrannten Chacha (Wodka) eingeweicht verschwand in ihr auf eins, zwei. «So, das wars» reiben sich die Jungs die Hände. Doch Gypsy läuft mit klarem Blick schnurstracks und geradeaus davon.


Weitere Versuche, sie an Ohren, Schwanz etc. zu packen, blieben erfolglos.

Die Herren genervt, die Dame mit einem Heidenspass.

Langsam stieg der Alkoholpegel und sie wurde aggressiv. «Mehr kann nicht schaden» beschlossen die Männer und Gerold rückte weitere fünf Dezi Chacha und die zweite Hälfe vom Brot raus.

Mit hörbarem Genuss verschwand auch dieser Teil des Betäubungsmittels in ihrem Giermäulchen. Ein paar Schritte und dann legte sie sich hin, verdrehte die Augen und fing an zu schnarchen.

Habt ihr mal versucht, ein betrunkenes Schwein aufzuheben?


Während diesem Vorgang erlosch das Feuer unter der Gulaschkanone.

Das Wasser verdampfte teilweise. Warten, heisst es. Warten.

Doch dann auf einmal. Peng! Schnell und sicher.

Sie haben es getan.


Die Aktion endete mit einem Nachtessen, auf welches ich gerne verzichtete.

Ein Kutschmatschi – die Lungen, Milz, Leber, Niere, eine Weile gekocht und mit Kräutern abgeschmeckt.

Ein nationales Gericht. Ich probiere gerne Food in anderen Ländern.

Aber mir steckte der Geruch von gekochten Innereien in der Nase und der Magen im Hals.

Ich nahm lieber den Rest vom Chacha und die Herren mussten halt unerwartet mit weniger Brot auskommen. 😉


Heute, sechs Wochen später, brachte Gerold einen Teil des Fleisches – seit drei Tagen in der Räucherkammer hängend – zum Probieren. Wie köstlich ist es! Danke dir, Gypsy! Und eine Frage noch: «War es der Schnaps, der das Fleisch so wunderbar gemacht hat? Oder warst du ein zartes Wesen unter der dicken, frechen Haut?»


Gerold und ich haben ein Verhältnis.

Ein herzliches Verhältnis zu unseren Tieren. Sie bestimmen neben den Bauarbeiten unseren Alltag und halten uns auf Trab. Langsam rutschen wir in die neue Rolle und trotz anfänglicher Unwissenheit gelingt es uns sehr gut. Jedes der Tieren trägt seinen Namen. Sie rennen alle los, wenn wir bei der Futterstelle «Mnjam, mnjam» rufen.


Für manche Leute ist es bestimmt unbegreiflich. Wir verspeisen sie doch!

Jetzt könnten wir anfangen, uns zu erklären.

Ich wende an dieser Stelle lieber einen Spruch meiner Grossmutter an:

«Unklarheiten? Diskussionen? Probleme? Überlasse sie dem Pferd, das hat ein grösseren Kopf.»


Unser Pferd hat zwar einen kleinen Kopf, doch voll mit Flausen und unerwarteten Aktionen im Speicher.

Chuchuna (das bedeutet niedlich, herzig, zum Knuddeln) ist ein einjähriges Mädchen und mit ihrer Anschaffung erfüllte ich mir meinen Wunsch nach einem nostalgischen «Zurück in die Kindheit», in welcher die Pferde eine wichtige Rolle spielten.

Es liegt in den Genen.

Die letzten Worte meines verstorbenen Vaters galten seiner Stute. Auch meine Tochter und Enkelin sind dem Pferdemist-Geruch verfallen.

Obwohl Tereza meinte «Mutti, was tust du dir da an!» machen alle mit.

Schlicht und einfach: ein Hof ohne Pferd ist nicht Georgien.

Wie viele andere Tiere in diesem Land, laufen auch die Pferde frei herum, vom Frühling bis zum Herbst sind sie überall anzutreffen.

(Es gibt eine riesige Herde wilder Pferde, die jeden Frühling aus dem Vashlovani Park ganz im Osten Georgiens in die Berge Tuschetiens, 3’000 Meter über Meer, wandern. Ein atemberaubender Anblick.)


Die Arbeitscrew, unsere Jungs, haben nur die Köpfe geschüttelt, als wir ihnen unseren Entwurf für den Stall vorgelegt haben.

Das Unverständnis, dass für ein Tier sowas gebaut wird, wechselte mit der Lust auf ein neues Projekt. Heute schauen sie stolz ihr Werk an. Es gibt sogar auch eine Bar und eine Schlafmöglichkeit dort. 😊 Eine beliebte Stelle.

Nicht so toll ist die Idee einer unserer Hennen, im Futtertrog Eier zu legen.


Nach einem Monat der Anpassungsphase ging Chuchunas Mutter Kiki wieder nach Hause, in das 14 Kilometer entfernte Dorf Samikao. Einfach am Wagen des Minitraktors angebunden und los.

In diesem Moment fing ein Machtspiel an.

Chuchuna ist ein schlaues Mädchen.

Sie kann wunderbar zubeissen und wenn ihr etwas nicht passt, stellt sie das Ärschelchen so hin, dass die eleganten Beinchen schneller ausschlagen als hüh gedacht.

Die Pferde in Georgien laufen mit einem Seil um den Hals und oftmals mit einem Strick um zwei Beine umschlungenen herum, damit sie nicht springen und nicht abhauen können.

Mit so einem Strick haben wir für die ersten Tage, trotz meines Unmutes, auch Chuchuna gesichert.

Dies rettete ihr später das Leben.


Die Trennung von der Mutter ist nie einfach. So führte ich am selbstgenähten Halfter bei ziemlichem Widerstand die «Tschädere» morgens und abends in das extra vorbereitete Gehege, bis sie DAS entdeckte:


Die Georgier kennen nur die Flachpetersilie. Ein Gebüsch «Kräusepeterli» im Garten führte zur Gruppenbesichtigung. Meine Mutter ist zur Samenschmugglerin geworden. Jeder Besuch heisst, Petersilie mitbringen. Nebst der Wurzelpetersilie kannten unsere Nachbarn auch die Knollensellerie und Raps nicht.

So haben wir im Careffour für stolzen Preis einige schöne Stücke Sellerie gekauft und zum Neujahr als Präsent zum Kochen gebracht. Ich staunte nicht schlecht, als sich Dato später enttäuscht geäussert hat, dass die Sellerie bei ihm kein Lebenszeichen gab. Er hat die ganze Knolle im Garten vergraben. Vielleicht dachte er, dass sie einige Junge austrägt. Zur Beruhigung lieferte Mama ein Päckchen Saatgut nach.


«Halí belí koně v zelí a hříbátka v petrželi»

Hali beli, Pferde im Kohl und die Fohlen in der Petersilie – ein tschechisches Kinderlied.

Wo das Motiv entstand für das Lied, weiss ich nicht.

Dass es sich auf die Wahrheit beruft, kann ich bestätigen.

Bei einer missglückten Überführung steuerte Chuchu meinen grünen Stolz direkt an und mit einer Siegerpose kaute sie die Kräuselpetersilie in ihrem Munde von links nach rechts sorgfältig durch.

Ich kann ihr doch nicht böse sein!

Sie weiss, wohin sie gehört.

Ein braves Mädchen.

Dachte ich und hoffe auf die nächste Samenlieferung.


Heu ist in unserem subtropischen Klima rar. Die Heulastwagen aus Kachetien oder Jawacheti im Süden Georgiens sind auf dem Markt nicht mehr zu sehen.

Ich schreibe es der fortgeschrittenen Saison und den Bauschwierigkeiten am Rikoti-Pass zu.

Zwar bemühen sich die chinesischen Firmen, so schnell wie möglich den «Flaschenhals» durch das Bergmassiv mit einer tunnelreichen Autobahn zu erweitern.

Doch der Berg rutscht, die Brückenträger kippen um, die fertigen Tunnel werden verschüttet. Auch die Brücke in unserer Nähe über den Fluss Rioni stürzte noch vor der offiziellen Eröffnung ein.

Die einzige West-Ost-Lastwagenverbindung wird von der Polizei gesteuert und die Zahl der Durchfahrten wird angepasst. Vielleicht haben ausländische Transporter Vortritt.

So kaufte ich eine Menge Karotten und Äpfel, Hafer und Mais, mischte es liebevoll im Futtertrog zusammen und versuchte, die Kleine zu bestechen.


(Mittlerweile beherrsche ich die georgische Sprache mehr und mehr und mit Eselsbrücken geht es leichter. So stand ich da, im Laden und mit Stirnrunzeln, bin mir bewusst, dass die Karotte nichts mit Streptokokken zu tun hat, aber da war doch was!

Aha, «Staphylo» ist das richtige Wort, klar!

Eine der anderen Kokken!

Wir lachten uns alle die Tränen ab. Das Verkaufspersonal freut sich bestimmt auf meinen nächsten Esel-, eher: Brücken-, -einkauf.)


Bei unserem Versuch, das Fohlen in seinen VIP-Stall zu kriegen, funktionierte natürlich nur ein Kraut. Wie ein Esel nach der Distel lief Chuchu meiner Mutter bis in den Stall nach.

(Noch zu erwähnen ist: meine Mams hat panische Angst vor Pferden, doch ihre Petersilie war jedes Risiko Wert.)

Langsam gewöhnen wir uns aneinander und ohne Wiehern und Schmatzen unten am Bächlein kann ich mir Marani nicht mehr vorstellen.


Vorstellen konnte ich mir auch nicht, dass Chuchuna eines Nachts verschwand.


An der niedrigsten Stelle unseres provisorischen Zaunes fand ich ihre Spuren.

Sie musste den Hang runtergerollt sein. Sie hatte ja das vordere und hintere Bein mit dem Seil verbunden.

Wie schaffte sie das?


Ein Pferd in den dicht bewachsenen Feldern und Wäldern um uns herum zu suchen, ist effektiv mit der Nadel im Heuhaufen zu vergleichen.

Ich schürfte fast das Profil von den Pneus des Bärchen – unserem Safari-Fahrzeug – runter.

Mein Skoda hinterliess später grosse Haufen Erde und Kuhmist auf dem Boden der Waschanlage.

Alles war im Einsatz.

Mit der Petersilie in der Hand, von Conti und Hera, unseren Schäferhunden, begleitet, lief ich die unzugänglichen Stellen ab.

Nichts.

Jeder Landeskenner kann sich vorstellen, wie komisch in Georgien meine Frage tönt: «Habt ihr ein Pferd gesehen?»

Trotz Tragik der Situation, musste ich selbst lachen.

Da Chuchuna nicht zu ihrer Mutter zurückkehrte, blieben nur zwei Möglichkeiten übrig: Sie ist mit den wilden Pferden los oder ihr Leben war zu kurz.

Diese zweite Variante liess mich erschaudern.

In Georgien ist Pferdefleisch offiziell nicht zu kaufen. Nur privat oder auf dem schwarzen Markt: entführte, gestohlene Pferde. Unserem Mitarbeiter Fridon sind zwei Pferde auf mysteriöse Art entschwunden.


Der Tag war zu Ende, es blieb nur noch ein verwachsener schmaler Weg.

Langsam wurde es dunkel, ich allein, Schakale legen los.

Nein, ich fahre noch ein wenig herum! Diesen Weg nehme ich morgen früh ins Visier.

Schlaflose, verregnete Nacht.

Um 6 Uhr stehe ich auf der Matte, schaue in den Stall. Kein Wunder ist geschehen.


Mit zwei Feldstechern, Halfter und einem Seil ausgerüstet holte ich unsere Crew und wir klapperten alle möglichen Stellen ab, an welchen sich die wilden Pferde aufhalten könnten.

Erstaunliche, herrliche, verlassene Orte rund um Marani, zum Fischen, Baden, Picknicken – nur Chuchuna bevorzugt sichtbar nichts davon.

Ich blende das mit dem Pferdewürsten und - Steaks aus. Noch vor zwei Tagen haben wir das Thema angeschnitten. Herbeigerufen? Bitte nicht!


In Georgien ist die Hilfsbereitschaft gross und immer mehr Nachbarn und Bewohner der umliegenden Dörfer nehmen an der Suche teil.

In der Nähe des gestern ausgelassenen Weges sagte einer, dass ihm einer gesagt hat, dass einer ein einsames Fohlen gesehen hätte.

Adrenalin steigt, Bärchen kämpft sich durch Gestrüpp und tiefe Pfützen.


Da lag sie! Erschöpft. Von wilden Pferden, mit welchen sie weiterzog, nicht akzeptiert.

Mit sichtbaren Bisswunden, aber sonst ok.

Sie ist eine beträchtliche Strecke gelaufen.

Trotz des Stricks an den Beinen war sie einige Kilometer von Daheim entfernt. Doch nicht so weit, dass sie jemand unbemerkt wegschaffen konnte. Halleluja!


Den Weg nach Hause musste sie nun aber auch noch schaffen. Mit Wasser,

Brot und Zucker gestärkt, läuft sie dann im Hof direkt in die Arme meiner Mutter! Sie hält die schönste Petersilie für sie parat.


Erleichtert und müde gehen alle ihren Arbeiten nach.

Als erstes wird der Zaun neu gezogen.


Heute ist Chuchuna wieder in Form, erfreut sich voller Aufmerksamkeit der Menschen und Hunde und wir haben die nächste Aufgabe vor uns – ein Gspänli für sie zu finden.

Mit unserem Alter und der entsprechenden Kondition kann ich mir schlecht vorzustellen, mit ihr im Gehege herumzurennen, zu wiehern und mich im Gras zu wälzen.


Das Gras auf dem Grundstück wächst, was Chuchuna nicht mag, mäht Schota, unser Nachbar nieder.

Die von meiner Mama gepflanzten Sonnenblumen muss er nicht. Die hat sie schnell geköpft.

Der Bambus ist regelrecht in die Höhe geschossen. Es gibt eine lauschige Kuschelecke.

Ich werde ständig mit diversen Samen und Pflanzen von unseren Mitarbeitern beschenkt.

Manchmal wissen sie selber nicht mehr, was sie mitgebracht haben.

Sie lachen, wenn ich schon bei 20 Tomatenpflanzen kippe.

Ihre 300 Stücke und Hektare Land möchte ich nicht pflegen müssen.


In diese Verantwortung wachse ich doch auch langsam ein.

Ein Baumwolle T- Schirrt verschneiden und mit den elastischen Streifen Gurken und Tomaten an den Stangen befestigen, die Erdbeeren und frisch angesäten Beeten vor Hühnern und Hunden verteidigen, alles will versorgt werden.


Wie ich das Geschlecht bei der Kiwi Pflanze bestimmen kann, das habe ich noch nicht herausgefunden.

So kaufte ich zu unseren zwei Pflanzen noch 1 Bitscho – Jungen und 3 Gogo- Mädchen, in der Hoffnung, dass das nötige Harem funktioniert und wir das nächste Jahr flauschige Früchte ernten werden.

Vielleicht.

Für Schota sind sie auch ein Unkraut.

DAS Gras im Garten gedeiht nicht. Nach der Nachtaktion im letzten Jahr, als ich die einfach so unschuldig heranwachsenden Stauden vor der Polizei Razzia schnell entfernte, habe ich ein Adlerauge bekommen.

Sobald ein kleines diesen Pflänzchen die ersten Blätter zeigt, reisse ich sie raus.


Die Mispeln habe ich letztes Jahr eingemacht, die Gläser stehen noch im Keller. Jetzt schreit mich eine Unmenge der süssen Früchte von den Bäumen an: « Nimm mich! Und das schnell!»

Sie stossen an ein taubes Ohr.

Sie werden nicht mehr im Glas landen.

Apropos Ohr. Für ein Ohrenschmaus und Laune im Haus haben wir zu der Gitarre und eine Zitter ein Piano angeschafft.


Schota ist immer parat mit seinem kleinen Zweirad und Anhänger zu Verfügung zu stehen.

Einmal ist es Material, einmal die verblüffte 6-köpfige Arbeitsgruppe aus Tschechien, die er vom 15 Km entfernten Flughafen abgeholt hat.

Das Piano und zuletzt hat er den Zeus, Gerolds Seitenwagen abgeschleppt.

Der wollte nur noch im Retourgang fahren.

Ein komisches Bild: Das Traktörli an der Spitze mit Zeus im Schlepptau mit sagenhaften schnellen 5 Km/h.


Lustig ist es bei uns in Marani. Die Witze und Spassaktionen, die unsere Jungs veranstalten, erfrischen die Arbeitstage und glätten manchmal unsere Kummerfalten, wenn etwas schiefgeht.

Schief dürfte ihre nächste, in meinen Augen ziemlich heikle Aktion nicht ablaufen.



Ramaz, ein unserer Lieferanten kommt immer zu fortgeschrittener Stunde. Ein Ford Transit, gefüllt mit langen Ästen Lorbeerblatt.

Der Schein trügt.

Unter diesem grünen Gold, georgisch - Daphna, versteckt er jedes Mal die bestellte Ladung gespitzter Akazienpfosten.


Für jede grössere Ladung Holz, Kartoffeln, Baumaterial etc. braucht es einen offiziellen Begleitschein. Eine Bestätigung, dass die Ware nicht gestohlen ist.

Wenn wir Material eingekauft haben und den Transport bestellten, schrien alle erst nach den Begleitscheinen. Wo Ordnung sein soll, dort gibt es ihn.

Die Akazien brauchen wir immer wieder und Ramaz hat sie. Und er hat auch Beziehungen. Er kennt alle.

«Njet Problema» – kein Problem.


Doch, wir haben eines, genauer gesagt 8 – riesige Bäume.

Das Merkmal unseres Standortes, die über 30 Meter hohen Platanen, gehen uns, gehen mir, auf die Substanz.

Sie müssen gekürzt werden, schon des neuen Daches wegen und wegen ihres furchteinflössenden Anblicks bei gröberen Stürmen.

Es ist halt so.

Ich erklärte Ramaz fünfmal, dass wir sie NICHT komplett fällen werden.

Nur die oberen 6 – 8 Meter sollten weg. Er bekommt 300 Lari für die Ausrüstung und sie werden kommen, die Spezialisten.

Alles klar, er meldet sich.


Noch viermal kommt er mit diversen Leuten vorbei.

Alle kratzen sich am Kinn, gestikulieren. Lassen sich auf dem Foto den rot eingezeichneten Strich, in welcher Höhe abzuschneiden ist, zeigen und mit «Njet Problema» verschwinden sie wieder.

Gerold in der Schweiz, ich am Spulen.

Da hält ein Bagger vor dem unteren Zaun an.

Die Crew wie aus dem Bilderbuch: Ramaz in weissen Hosen, dazu ein schmaler kleiner Bursche.

Ein weiterer Typ mit dem Body eines Türstehers weigert sich, einzutreten. Unsere Kampf-Schlecker-Schäferhund-Ladys machen ihm Angst.

Hinterdrein ein älterer Herr mit Gehstock. «Ok die Herren, ich muss Zement holen, einkaufen.

Ihr wisst, was zu tun ist.»


Doch ein Blick zurück lässt alles andere unwichtig werden.


Die bevorschusste Ausrüstung besteht aus einer Wäscheleine, 2 Stück 3-Meter-Leitern, mit Stofffetzen zusammengebunden, und einem Bagger. Das Männchen zitterte und Ramaz sagt auf Georgisch etwas von einem Meter und zeigt auf die Höhe seines Hosenbunds.

Geht, ihr habt keine Ahnung!

Die Superleiter blieb am Baum angelehnt!

Seit Monaten diskutieren wir das «ihr Spezialisten»!


Tags darauf ein Telefonat.

Die Odyssee geht weiter.

Weitere Besichtigung, weiteres Kinnkratzen. Am Ende nichts.

Als für ein paar Tage anwesende Gerold im Garten eine komische Truppe entdeckt, die wieder am Besichtigen ist, platzte mir der Kragen.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder schreien sollte.

«Mechiko oh Mechiko!»

Drei Jungs mit Sombrero, einer mit Augen, die bestimmt 360 Grad Umkreis erfassen, ein anderer leicht gelähmt, der Dritte hat schon einiges intus.

Der Manager mit Gehstock und Ramaz fehlten auch nicht.

«Nein, heute windet es, heute geht das Schneiden nicht.»

Nicht?! Nicht mal vielleicht! Raus und das im Schweineschritt!!

Ramaz verkroch sich fast unter seinem Lorbeerblatt auf der Ladefläche, so wütend war ich.

«Die bevorschusste Kohle in einer Woche her und nie mehr blicken lassen!»


Heute lache ich über die Situationen.

Und komischerweise hat jemand mit einem Ford Transit letztens auf dem Markt meine Parkplatzgebühr bezahlt. 😉

So ist Georgien. Genau auch das ist Georgien.


Die Platanen sind fachmännisch gekürzt worden und das herumliegende Holz wird von Schota und Gela akribisch geschnitten und versorgt.

Unsere Jungs haben festgestellt, dass in ihrem Dorf ein Junge wohnt, der beim Militär in einer Spezialeinheit tätig war und sich dann weitergebildet hat.

So sprang der Tarzan von einem Baum zum anderen.

Innerhalb von vier Tagen wurden die Riesen geköpft.


(Nein. Ein Höhlenritt war es, gemeingefährlich. Und wir sind alle froh, dass bis auf ein paar Abschürfungen nichts passiert ist!)


Er hiess Venusche, unser Held.

Zu Deutsch «Venus» und ich bin überzeugt: ihn hat uns der Himmel selbst runtergeschickt.

(In der Fotocollage ist Venus in der Krone des Baumes zu sehen. Nahe der Sonne.).

So hörte ich auf, ständig zu den mächtigen Bäumen aufzublicken, wenn es stürmt, flüchte nicht mehr in den Bauhâusi zum Schlafen und erfreue mich an der erledigten Arbeit.


Weniger freut sich das Hühnervolk. Ihr Haus ist dem Holzen zum Opfer gefallen.

Zu einer slumähnlich eingestürzten Hütte geworden.

Ein neuer Stall ist in der Planung. Bis dahin müssen sie sich gedulden.

Aber die Hennen sind hässig.

So hässig, dass keine von ihnen ein einziges Ei rausrückt.

Sie haben sich gegen uns verschworen.

Sie demonstrieren - Sie kleben sich fest!

In den unversehrten Kojen, trotz Durchzug und Feuchtigkeit, sitzen drei von ihnen auf gar nichts.

Einfach wärmen sie das Stroh.

Eine hat zum Pferd disloziert und hütet in der Schale ein Einzelkind.

Ich bleibe optimistisch.

Im Kopf trage ich einen neuen Bauplan und dann hole ich auf dem Markt die Verstärkung.

Vier bis fünf schöne Hennen müssen es schon sein. Auch zur Freude von Peche und Tschaikowski.


Da kommen mir wieder zwei Sprüche in den Sinn, die in diesem Fall in einen zusammenfliessen.

«A…schlecken und den Marsch blasen» kann ich beim Kauf des Federviehs ausüben.

Heute scheue mich nicht, fachwissend und geübt die Eierlieferantinnen umzudrehen, um ihnen rundum den «Füdi» zu pusten. So stelle ich fest, ob sie gesund und damit produktiv sind. Was man nicht alles lernt!


Ich habe mich so in das Schreiben vertieft, dass ich die Körperbedürfnisse ausgeblendet habe. Schnell abspringen.

Nun, aus dem Örtchen heraus, sehe ich, dass sich unsere Hausschwalbe über meinem Laptop erleichtert hat. Was für eine Symbiose. 😊


Schwalben im Haus bedeuten ein gutes und glückliches Haus. Sie bauen unter der Laube über dem Tisch ihr Nest.

Scheinbar ein Zeichen für einen ruhigen und sicheren Ort.


Ich dagegen habe das Gefühl, dass es bei uns spuckt. Ein Ferkel gestorben, Schakale ständig am Werk, unzählige Wasserschäden, Missglücke, undefinierbare Geräusche etc. Und jetzt flieht auch noch das Pferd. Unsere Crew wollte uns schon den Pfarrer schicken, um das Haus zu «reinigen». Doch wir lehnten einstimmig ab. Ich habe eine andere Idee. Es ist an der Zeit, mit der Vorbesitzerin, mit Olympiada ein ernstes Wörtchen zu reden. Dabei ein, zwei Tröpfchen Wein trinken. So wie es die Georgier oft am Grab der Verstorbenen machen.


Vorher aber versuche ich die erste Stufe des Friedensprozesses.

Von den Jungs beraten, möge ich im Aufenthaltsraum ein Glas Wein, einen Teller mit Oliven, Käse, Brot aufstellen und eine Kerze anzünden.

Bis zum Frühstück muss ich das Haus verlassen und warten, bis die Kerze erlischt und dann sollte auch ein wenig Wein verschwunden sein.

Geschieht dem so, herrscht am HofMarani Frieden.


Mir bewusst, dass die Kerze, die ich gekauft habe, Minimum zwei Stunden brennen wird, habe ich sie ziemlich gekürzt. Auch die Vorstellung, dass meine Mutter hungrig ums verschlossene Haus herumschleicht und nach einem Kaffee nachsucht, verstärkte meine Überzeugung, dass schätzungsweise 30 Minuten ausreichen.

Auf dem Glas, in der Höhe des Weinpegels mache ich ein Strich, um kontrollieren zu können, ob Olympiada unser Wein geschmeckt hat.

Ich will es genau wissen.

Kerze anzünden, Haus abschliessen.

Dann verschwand ich mit den Hunden an den Fluss.


Unterwegs verdrängte ich den Anfall, ein wenig Sport zu betreiben und die frisch installierten Outdoor-Fitnessgeräte auszuprobieren.

Auf dem Retourweg sehe ich eine Kuh, die sich genüsslich an einem Griff reibt, währenddem sich eine zweite auf die Plattform erleichtert.

Gut gemeint, Regierung, doch Schuss daneben.

Am Rande des Dorfes, versteckt zwischen den Bäumen, nie benutzt und bald zerstört.

Ein weiteres Beispiel, dem europäischen Standard näher zu sein. Es gäbe doch noch andere Möglichkeiten.

Ich sehe schon unseren Zacharias (86), oder Abel (76), die sich in stretch-neonfarbigen Anzügen über die Stangen dehnen. Autsch!


Neugierig komme ich nach Hause, wo auf den Treppen zwei Kaffeesüchtige sassen.

Zaza, unser Nachbar und Helfer mit Mams, die nur den Kopf schüttelte:

«Hast das Haus extra abgeschlossen, damit ich der Olympiada mit dem Wein nicht helfen kann, was?»

Ich vertröstete sie mit einem Fingerhut Cognac, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Den Wein hat sie sich später auch geschnappt. Weit unter den Strich getrunken. 😊


Und Olympiada?

Vielleicht war es noch zu früh.

Vielleicht isst sie keine Oliven.

Vielleicht trinkt sie lieber Weisswein.

Vielleich habe ich sie mit meinem Beschiss – dem Kerze kürzen – beleidigt.


Nichts geschah und ich höre nach wie vor Geräusche, die ich keinem Tier, Wetter, Vogel oder Gegenstand zuordnen kann. Doch weitere unschöne Ereignisse will ich immer noch unterbinden.


«Ich komme zu dir an dein Grab, Olympiada, und dann wird es ernst.

Ich will mit dir befreundet sein.

Kein Insta- oder Facebook-Profil kann es ersetzen.

Den Wein nehme ich mit.


Und dann erzähle ich dir, wie dankbar ich bin, dein Haus gefunden zu haben, mich in den Räumen, in denen du gelebt hast und gestorben bist, bewegen zu können.

Wie Gerold und ich unsere Träume verwirklichen und was wir noch so vorhaben.


Welche wunderbaren Freundschaften entstanden sind.

Wie begeistert unsere Gäste von Georgien und unserem Tun sind.


Olympiada, es gibt vieles zu erzählen!»


Und das werde ich.


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