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  • AutorenbildGerold Schlegel

Orkan Lothar auf Georgisch

Der Winter 2021/2022 war geprägt von unglaublichen Mengen Schnee. Schneeräumung auf öffentlichen Strassen? Fehlanzeige. Die Spuren nach ein paar Tagen sind mehr Geleise als Strasse. Schule und viele Läden bleiben geschlossen. Das grössere Übel hingegen sind die Stromausfälle wegen von Ästen heruntergerissener Stromleitungen. Der Einkauf auf dem Markt: unmöglich. Geld ist für viele Georgier knapp. Daher darf es wenig überraschen, wenn mehr als die Hälfte der Autos nur mit Sommerreifen ausgerüstet sind. Nur die Mutigsten trauen sich auf die Strasse. Ich erinnere mich, wie ich um eine Kurve zaubern musste. Der Gegenverkehr kam quer auf meiner Seite entgegen. Mir rutschte das Herz in die Hose und der Puls schoss ungewohnt in die Höhe. Es bleibt mir ein Rätsel, wie das ohne Blechschaden ausgehen konnte.



Als in der Schweiz am Sonntag, den 26. Dezember 1999 der Orkan Lothar blies, wollte ich unbedingt Brot zum Frühstück einkaufen. Ein liebgewonnenes Ritual: am Sonntag Brot einkaufen, einen Kaffee trinken und dazu die Sonntagszeitung lesen. Das alles ohne schlechtes Gewissen, denn meine damalige Ehefrau und Tochter Cynthia waren Langschläferinnen. Heruntergefallene Bäume und gesperrte Strassen verhinderten und bremsten meine damalige Fahrt aus. Was alles hätte passieren können, war in meinen Gedanken weit weg. Die Sehnsucht nach dem Duft frisch gebackener Brote und Kaffee war vorherrschend. Im Nachhinein kam ich mir vor wie der Tourist, der in Sandalen eine Bergwanderung macht. Denn als ich wieder zu Hause war, konnte ich aus dem Fenster verfolgen, was der Orkan Lothar mit Bäumen tat. Im Enggisteinwald – oberhalb unseres Hauses – fielen sie reihenweise wie Zahnstocher. Die Feuerwehr von Ried war danach drei Tage am Aufräumen. Diese Erinnerung kam hoch, als ich in Georgien Mitte Januar auf der Strasse war.


Unsere Arbeitscrew wohnt in Samikao. Das ist in etwa 15 – 30 Autominuten zu erreichen. Je nachdem wieviel Kühe und Schweine sich auf der Strasse aufhalten oder mitten darauf liegen, dauert es länger. Ja, in Georgien ist alles auf der Strasse zu finden. Die Tierhalter öffnen am Morgen ihren Kühen, Schweinen, Ziegen, Schafen, Pferden, Enten etc. das Gartentor. Schaut selbst wo ihr Futter findet! Rechtzeitig gegen Abend versammeln sie sich wieder vor dem Gartentor. Da darf sich dann niemand wundern, wenn Busstationen gut eingezäunt sind, damit die Kühe draussen bleiben. Autofahren in Georgien bei Dunkelheit ist für mich eine absolute Ausnahme. Als ich das eines Tages dennoch tat, um die Crew spätabends nach Hause zu bringen, wusste ich wieder weshalb das so ist. Die Begegnung mit dem Schwein verlief glimpflich ab. Aus einer Kurve heraus rannte die Sau, als gebe es kein Morgen, quer über die Strasse. Der seitliche Aufprall war minimal. Trotzdem waren Spoiler und Nebelleuchte ramponiert. Die Reparatur war kaum der Rede wert. Der Spoiler wurde mit etwas Heissleim, Kabelbindern und mit Draht unsichtbar instand gesetzt. Das neue Gehäuse der Nebelleuchte organisierte uns Res in der Schweiz. Merci viel mol!


Im Sommer kamen Dato und Chwitscha meistens mit dem Velo und mehrmals mit Ross und Wagen. Mit Wagen meistens, wenn sie zu viert oder fünft waren. Auf beide Arten haben sie etwa eine Stunde für den Weg. Bei den aktuellen Minustemperaturen macht Velofahren wenig Spass. Wenn es stark regnet oder eben extrem kalt ist, übernehme ich gerne den Fahrdienst.


Wir hatten diesen Winter zunächst einmal am Morgen einen Hauch von Schnee, dafür öfter 3 – 5 Grad Minustemperaturen. Dann begannen Mitte Januar aus dem Nichts die Sturmwinde von 90 – 140 km/h. Dieses Wetter dauerte mehr als eine Woche. Dauerwind von früh bis spät. Dazu gab es täglich eine Phase von 2 – 3 Stunden, in denen es extrem wurde. In diesen Zeiten konnte man sich draussen gegen den Wind legen. Betroffen war ein Gebiet von etwa 120 Quadratkilometern. Die tägliche Fahrt wurde immer mehr zum Hindernislauf. Neben Kühen und Schweinen öfters Stromkabel, Äste und Bäume, denen es auszuweichen galt. Wobei mir erstaunlicherweise die heruntergerissenen Stromkabel mehr Sorgen bereiteten als die gefallenen oder potentiell möglich fallenden Bäume. Erst als ich die Zahlen der Toten und Verletzten im Radio hörte, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Vorher war es so etwas wie: «Das muss sein.» Danach viel mehr: «Wie kannst du so leichtfertig sein?»


Die vier Tage ohne Strom haben mich mehr belegt. Kein Wunder, denn davon war ich unmittelbar und sofort betroffen. Verrückt, wie man sich die Welt zurechtlegt und vieles verdrängt. Vorher nur Fragmente und Impulse von Angst und Sorge. Jetzt, ohne Strom, viel mehr Auslöser dafür. Sei es wegen des Wassers, denn ohne Strom keine Pumpen. Wie lange reicht das gespeicherte Wasser? ( 1'300 Liter Tank). War der Behälter voll? Wieviel Wasser haben wir noch? Oder wegen andere Dinge, die im «normalen» täglichen Leben klar sind: Was machen wir mit der Ware im Tiefkühler? Sind unsere Powerbanks und Stromspeicher gefüllt? Wie geht das mit der Telefonie und dem Internet? Wo und wie könnte ich die Stromspeicher aufladen? Die tägliche Kontrolle der Bäume und Äste im eigenen Garten vermittelte mir eine (Schein-)Sicherheit. Denn ausser den vier hohen Platanen (40 Meter und mehr) – die Herzwurzler sind – bedrohten keine Bäume das Wohnhaus. Bäume sind meistens Pfahlwurzler (tief) oder Flachwurzler (breit). Die Platanen sind eine Mischung von beidem, deshalb ist ihr Haltevermögen legendär.


Am Ende überstanden wir diese windige Zeit mit zwei gefällten Bäumen und keinen Verletzten oder Toten im näheren Umfeld. Das Holzen des Baumes, der mit der Astgabel auf einen stehenden Baum fiel und sich verkeilte, war äusserst knifflig. Wie hoch die Spannung des Baumstammes ist, bleibt ein Rätsel. Doch auch das meisterten wir ohne Unfälle. Jetzt beschäftigt mich, wie der nächste Winter wird. Kommt die Nässe oder die Trockenheit? Wir sind dankbar, das unbeschadet überstanden zu haben.


Das Beste dann heute Abend beim Schreiben dieses Blogbeitrages. Ole Pello, der Chef aller Chefs der Masai im Lake Natron Gebiet (Tansania), dem Zuhause von etwa 7’000 Masais, ruft an. Regina und ich haben ihn 2018 einmal zusammen im April besucht und ich im Dezember darauf nochmals allein. Der letzte Anruf ist etwa ein Jahr her. Die frohe Botschaft heute ist die Geburt seines 9. Kindes und er wollte sie persönlich via Telefon verkünden. Die Wahl des Namens hat Regina und mich berührt: Regina.


Kurz nach dem Anruf die nächste Sensation. In Georgien sind die streunenden Hunde oft eine Plage. Bevor wir zu Besuch in die Schweiz reisten, hat sich ein ungarischer Vorstehhund bei uns auf dem Gelände heimisch eingerichtet - unter meinem Seitenwagen. Die Marke heisst «Side-Bike» und das Modell «Zeus». Zeus ist seit 2003 mein Fahrzeug, mit dem ich viele Stunden und Tage bei jedem Wetter verbracht habe, inzwischen mit über 300'000 selbst gefahrenen Kilometern. Zeus, der treue Fahruntersatz, der mich während allen Jahreszeiten und Wettern fast nie im Stich liess. Hunde sind genauso langjährige und treue Begleiter. Daher war der Name für meine Schäferhündin schnell gefunden – Hera. Wir fragten Marco in der Schweiz, welchen Namen er dem ungarischen Vorstehhund geben würde. Seine Antwort haute mich von den Socken – Herkules. Passender geht nicht für den «Magyar Vizsla». Jetzt ist das Dreigestirn der Götter zusammen: Zeus, der Seitenwagen, mit der Ehefrau Hera – der Schäferhündin – und dazu gesellt sich Sohn Herkules, der ungarische Jagdhund.


Das Leben schreibt einfach wunderbare Geschichten. Die Mischung der erlebten Gefühle, gleich ob positiv oder negativ, und das Feiern der Erfolge macht uns in Georgien so lebendig. Das pralle Leben.

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1 Comment


addor
Feb 10, 2023

Super Artikel, lieber Gerold! Man lebt gleich mit. Die vier Tage Powercut sind einfach krass, ich kann mich kaum erholen. Die Geschichte mit dem Masaiboss berührte mich. Ich habe sie gleich Barbara erzählt, musste aber innehalten, weil zwei Peakocks uns lauthals unterbrachen, derweil ein Monitor Lizard eine Dachluke besetzt und alles verscheisst. Das pralle Leben halt. :-)

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