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  • Regina Bircher

Meins - Regina

Verhältnismässiges Verhalten schafft neue Verhältnisse.

Anstand, Glaube, Kulturen und die Kühe.

Meine Grossmutter hat immer gesagt, dass Anstand nicht schmerzt, kostenlos ist und jeden erfreut. Ich bin der gleichen Meinung. Aus welchem Grund stelle ich das Thema heute in Mittelpunkt?

Ich wage zu behaupten, dass ich gut erzogen bin. Ich grüsse, wenn ich einen Raum betrete, bedanke mich und esse meistens auf. Nicht nur des schönen Wetters wegen.

Trotz meiner Macken kann ich mich an einem guten Freundeskreis erfreuen. Doch es gibt Momente, da fühle ich mich wie ein Tollpatsch, Fettnäpfchen-Treterin und die Peinlichkeit selbst. Ich bin bestimmt nicht allein. So habe ich heute Lust, mich damit auseinanderzusetzen.

Seit zwei Monaten sind wir auf der Reise und es gab ein paar Momente, die uns in Verlegenheit gebracht haben. Vor allem mich mit meiner «Korrektheit» und dem Bedürfnis, alles richtig zu machen. Gerold hingegen hat die beneidenswerte Fähigkeit, mit einer eleganten Unverschämtheit zu überraschen. Entwaffnen und am Schluss manche für sich zu gewinnen. Da habe ich noch etwas zu lernen.

Sich anpassen gehört zum Knigge der Reisenden. In Ungarn, in Rumänien und in der Türkei ebenso. So hält der Hâusi mit 80 km/h in 50er-Zonen das Tempo mit den Einheimischen mit. Die durchgezogene Linie ist die neue Unterbrochene. Was will ich? Er passt sich ja an! Ausserorts geht es richtig zur Sache, bis die Rückspiegel wackeln.

Mein Intervenieren und Kommentieren aus der Position des Beifahrers berühren Gerold nach seiner geistigen Verfassung mal mehr, mal weniger. Ich gebe es zu, da werde ich zum Drachen. Gut, ist Hâusi so robust. Bestimmt gäbe es unter mir schon ein Loch vom ständigen Bremsen. Ich lege mich in die Kurven und meine Wut steigt, wenn sich der Fahrer an der Tiefe oder Höhe der Felsen unter oder über uns begeistert. Die Anspannung verursacht den späteren Muskelkater und wenn das Schwitzen die Kalorien verbrennen würde, würde ich Grösse 34 tragen. Später dann bin ich kaputt aber wieder angenehm erträglich. Wenn sich der Hunger nicht meldet.


So bewegen wir uns «langsam» weiter, und ab und zu lassen wir uns kulinarisch überraschen.

Mit mehr oder weniger Erfolg. Ich begriff ziemlich schnell, warum der streunende Hund auf einem Rastplatz so fettleibig war. Die Hackfleisch-/Brät-Röllchen vom Grill brachten wir echt nicht runter. Sie verschwanden leise und unbemerkt. Dafür waren die Brottaschen mit Käse hervorragend! Die bekam der Hund aber nicht. 😉

Ja, manchmal ist die Überraschung auch auf beiden Seiten. Bei uns wegen keines spürbaren Geschäftsinteresses des Wirtes und kaum geniessbarem Etwas auf dem Teller. Beim Wirt dann später mit 0.- Trinkgeld in seinem Ledermäppchen. Was oder respektive wer ist da unanständiger? Werden wir die Bemühungen der anderen nicht beleidigen, wenn wir die 10 %, welche als Empfehlung im Reiseführer stehen, abdrücken? Wir bedanken uns, verabschieden uns unangepasst. Jedoch mit gutem Gewissen fahren wir weiter. So lange, bis es im Hâusi zu heiss wird und es unter der Motorhaube pfeift. Mit mir am Lenkrad steuern wir die erste Garage an. Das weckt beim Garagist die Neugier. Interesse weckt jedoch nicht meine Problemschilderung. Ohne zu wissen, dass ich dank meiner technischen Fähigkeiten Hâusis Schmerzstelle erkenne, nimmt er mich nicht ernst. So fuhren wir erfolglos weiter. An der dritten Garage halte ich die Klappe, lese hinten im Bett Gerolds Buch und schwitze still, bis das Klima repariert ist. Über die Problematik mit dem Zahnriemen verliere ich kein Wort. In keiner Garage, nie mehr. Ich habe mich angepasst. Und ich glaube, für meine Verhältnisse ziemlich schnell.


Was das Glauben und das Verhalten in der Kirche anbelangt, da bin ich richtig aufgeschmissen. Als Atheist kann ich aber nicht sagen, dass ich absolut ungläubig bin. Da ist etwas, was ich in mir trage. Leider ist es nicht weiss oder schwarz, so hat es auch keinen Nenner. Schade.

In den meisten der durchreisten Länder hat die Religion hohen Stellenwert. Wir besuchten einige Sehenswürdigkeiten in dieser Richtung. Ich war überwältigt, sei es von der Bauart, Einrichtung,

dem Stolz der verantwortlichen Personen und ich verspürte höchsten Respekt. Diese Beklemmung, welche die Kirchen in Tschechien oder in der Schweiz bei mir auslösten, war nie vorhanden. Seltsam.

Seltsam wirkte ich sicher auf den Pfarrer der «Schwarzwälder Torte Kirche», wie ich sie nenne.

Er machte sie extra für mich auf, ich stand da und habe mich nicht bewegt, nix, nada.

Ich kann das nicht, ich bin wie gelähmt. Peinlich aber ja, das bin ich. Und so latschte ich in die Sakristei in einer anderen Kirche, was absolutes No Go für Frauen etwa in Rumänien ist.

Herr Palimar war mir nicht böse, küsste meine Hände, womit er mich in Verlegenheit gebracht hat. Er spürte mich.

In die Verlegenheit bin ich immer wieder geraten und wusste nicht, wie ich auf die engen Umarmungen, Wangenküsse und das Betatschen eines Mannes reagieren soll.

Wo ist die Grenze der Nähe einer Begrüssung in der Türkei? Der Mann - Ahmet war jedoch sehr freundlich und hilfsbereit. Er nahm Gerold zum Fischen mit, der ganze Fang ging an uns. Dazu schenkte er uns eingelegten Thunfisch, Früchte, Bier, Gemüse. Er hat uns trotz der sprachlichen Barriere eine Weile Gesellschaft geleistet und das gemeinsame Kochen sehr genossen. Die Freude an unserer Begegnung war riesig. Die Abschiedsumarmungen und Küsse mit Glanz in seinen Augen waren nicht mehr so abstossend, wie bei der Begrüssung. Wären die zwei Tage auf der Klippe auch so angenehm gewesen, wenn ich es als eine Belästigung bewertet und dementsprechend reagiert hätte? Es scheint ein Tanz auf dünnem Seil zu sein. Diese kulturellen Differenzen machen einem zu schaffen.

Gestern habe ich einen Bericht gelesen, dass sich meine Landsleute in Tschechien gegenüber den ausländischen Touristen kühl verhalten. Die Hilfsbereitschaft ist klein, das Desinteresse gross. Es machte mich traurig. Auf unserer Reise haben wir hingegen Momente erlebt, die uns sprachlos machten. Wir haben bei einem der kleinen «Kioske» angehalten. Der Klassiker. Ausschliesslich Männer, die sich auf Plastikstühlen versammeln, um ihren Tee oder Kaffee zu trinken. Da zeigte einer auf unser Geweih, welches über der Stossstange montiert ist. (Ein Geschenk und Patron über unserer Reise.) Er klopfte Gerold auf die Schulter, mit den Händen zeigte er, dass auch er Jäger sei 😊 und spendete uns das ganze Frühstück. Heimlich. Wir konnten uns nicht mal bedanken, er war schon weg als wir zahlen wollten und es erfuhren. Was macht man da? Einfach geniessen.

Geniessen, es annehmen und ja nicht versuchen, sich zu revanchieren. Diese Tendenz ist bei uns im Westen so verbreitet, dass es unangenehm wird. Die Überraschungen und Geschenke einfach so annehmen! Oft ist es bei uns «eine Lieferung ohne eine Bestellung», wie ein Sprichwort sagt.

Wer kennt es nicht. Manchmal ist es eine Last, diese Verpflichtung, die Unsicherheit, ob meine Gegenleistung genügt. Quatsch, doof, unnötig - abschaffen.

Als wir spontan bei einem Fischer im Donaudelta anhielten, haben wir uns seine Unterkunft bis ins Detail angeschaut. Ihn und seine privaten Sachen fotografieren dürfen, ohne Problem. Herzlich und mitteilungsfreudig war er. Wir wurden eingeladen und setzten uns an einen Kessel mit frisch gekochten Flusskrebsen. Unglaublich lecker waren die! Der absolute Fauxpas war, ihm einen Geldschein auf den Tisch zu legen. Unanständig. Ja, so ist es. Man lernt das ganze Leben lang.

Apropos: das Fotografieren war/ist eine lockere Sache. Die Menschen lassen dich gerne ihre Umgebung, ihr Werk und sich selbst in einem Bild mitnehmen. Heimlich zu fotografieren, wie etwa in Afrika, habe ich hier nicht nötig gehabt.

Ebenso wie etwas Unnötiges kaufen zu müssen. Bis auf einen Fall ist uns dieses Phänomen nie begegnet. Frau staune, aber gerade in Wien, auf der Einkaufsmeile, wurde ich von einer eleganten Dame angesprochen. Ob sie mir etwas zeigen dürfe. Ich habe Zeit gehabt, der Laden war klimatisiert und mit meiner Bemerkung «zeigen ja, kaufen nichts» war sie einverstanden. Also her mit dem Wunder. Sie duzte mich automatisch. Bald schmierte sie mir ein Wässerchen unter die Augen und es dauerte nicht lange, da hörte ich lautes Ôch und Âch. Wie herrlich meine Haut nach der Behandlung mit dem B12-Präparat aussieht. Nur ich stellte keine Veränderung fest. Festhalten musste ich mich, als sie mir das Ding doch aufzuschwatzen versuchte. 800 Euro für 50 ml. Da ich erstmals dabei bin, zehn Prozent Rabatt. Ich blieb stur und staunte wie der Preis runterfiel. Mit etlichen Vorteilsaufzählungen kam sie auf 99 Euro! Die Dame war mit allen Wässerchen gewaschen, das Wunder war nichts wert. Riesenwert dagegen hatte für mich eine ihrer Bemerkungen. Ich steuere in den nächsten Aldi und kaufe ein Würfelchen Hefe. Ein Vitamin B pur für 20 Cent (funktioniert) – und ein Siegergefühl dazu.

Unverhältnismässiges Verhalten schafft keine Verhältnisse. Sie sind echt kompliziert, aber auch spannend und interessant, diese Unterschiede in diversen Kulturen und Ländern. Ich stelle fest, dass jeder von uns mit einem gesunden Verstand, einer guten Erziehung und Gespür für Situation und Mensch meistens überall akzeptiert und toleriert wird. Wie einfach.


Eine spezielle Art der Toleranz habe ich auf einer anderen Ebene erlebt. Ich lag allein an einem Strand mit klarem Wasser im Meer. Gesellschaft leisteten mir 18 Stück der Dorfkühe. Wir lagen einfach gemeinsam da, genossen die Sonne. Die Mädels katschten ihr Ding, ich meine Vokabeln. Diese gegenseitige Toleranz war einfach nur «kuhl». Ein schönes Erlebnis wieder einmal. Im Inneren meiner Seele wünschte ich mir an dieser Stelle mehr von diesem Respekt, Anstand und Toleranz. Nicht nur zwischen den Wiederkäuern…



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