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  • Regina Bircher

Wenn du suchst, wo der Hund begraben ist, wirst du auch die Welpen finden!

Von der Autobahn in die Fussgängerzone gerast.


Auf dem Weg zu Njödja und Edik haben wir eine Strategie ausgetüftelt. Damit wir keine Unstimmigkeiten im Dorf verursachen – schliesslich sind unsere Brüder fast Nachbarn des «Sportlehrers» - haben wir uns entschieden, unbeobachtet in der Nähe des Dorfes Bashi zu übernachten. So steuern wir das Ufer eines von Gebüsch und wilden Granatapfelbäumen gesäumten Flusses an. Hier schlagen wir das Lager auf, hier nimmt uns niemand wahr. So können wir morgen früh unsere Leute besuchen und das Wichtigste, das Thema Grundstück, besprechen.

Nach langer Zeit haben wir wieder das Spiel Skip-Bo ausgelegt, feinen Whiskey eingeschenkt. Gemütlich und in der Wärme, die leider auch den Mäusegeruch verstärkt, waren wir in das Spiel vertieft. (Mittlerweile habe ich das Gefühl, unsere Mitbewohnerin überall zu hören, zu spüren, zu riechen, etc. Die Mausfalle hat sie direkt durchschaut und umgeht sie weiträumig.)

Da hielt ein Wagen neben uns an. Die Polizei, dein Helfer in der Not.

Schon leicht beschwipst versuche ich den lieben, aber bestimmt auftretenden Beamten zu erklären, dass wir uns hier sicher fühlen, dass es keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen. Hartnäckig und gleichzeitig unseren Whisky inspizierend, fordern sie uns dazu auf, den Hâusi umzuparkieren. So eskortieren sie uns mit Blaulicht durch das ganze Dorf an eine Stelle, die uns einfach nur zum Lachen bringt, ebenso die Tatsache, dass Gerold schon einen auf dem Sender gehabt hat. Der Whiskey war nicht ohne.

In der Dorfmitte, wo sich drei Strassen kreuzen, zwischen dem Gemeindehaus, der Kirche und einem «Polizeiposten», schön für alle ausgestellt. Hier sollten wir übernachten. Einer der Herren wird auf uns aufpassen. Nebenbei erfuhren wir, dass genau dieser Polizist auch für die freien Grundstücke in der Umgebung zuständig ist. Aha. Gut zu wissen.

Also versuchen wir es mit dem Schlafen. In der Nacht drifteten junge Georgier um den Platz, Musikclub in der Nähe - es wurde schnell Morgen.

Was für ein Willkommens-Komitee! Um den Hâusi herum versammelten sich unzählige Dorfbewohner. Was soll das? Ja, klar doch, heute ist der 30.10. Sie sind nicht wegen uns da, sie stehen parat, um ihre Zettel in die Urne zu werfen. Es ist der Wahltag. Danke, liebe Beamte! Das war’s mit der Anonymität.

Bald bei Edik und Njödja angekommen, wollten wir nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen. Wir wollten erst bei dem ausgebreiteten Mais auf dem Hof helfen. Und wir durften es! So trennten wir glücklich die Kolben von den Stängeln und trugen sie zu den Männern in den Hinterhof. Wie gut es tat, wieder einmal physisch zu arbeiten!

Die Frage, ob und wie sie abstimmen waren, haben sie verneint. Sie wissen, wie viele Wahlzettel einer Partei von den armen Leuten gegen 50 Lari Belohnung «gekauft» werden. Alles ist vorprogrammiert, das machen sie nicht mit.

Das einzige, was sie mit machen werden, ist die «Revolution!»

Der Abend war angenehm. Angenehm müde durften wir auch im Hâusi schlafen. Sonntag dann ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Erst musste jeder von uns 2 dl Chacha hinterleeren, zur Prophylaxe. Oh weh! Auf den leeren Magen! Vielleicht war es aber keine schlechte Idee.

Die älteste Frau in der Familie hat nämlich inzwischen entschieden, dass dieses von uns erträumte Landstück nicht verkauft wird. Als Trost zeigte uns Njödja seinen Anteil, weiter vom Haus entfernt. Schön gross, aber matschig und schlecht zugänglich. Nichts von Gas, Wasser und Strom zu sehen.

Er würde es noch abklären, wer die Infrastruktur einrichten kann und für wieviel. Nicht einmal einen Businessplan verlangte er heute.

Jedoch handelte es sich wieder um ein «agriculares Land. Njet, an Ausländer ist es nicht zu verkaufen». Es würde wieder einen Umweg brauchen.

Na super. Und wegen dem Ganzen haben wir die fünf Stunden Reise von Tiflis auf uns genommen? Wir sind dort, wo wir schon waren: am Anfang.

Wir verabschieden uns von unseren Freunden. Wir werden uns bestimmt wiedersehen.


Der erste Weg führt zum Polizeiposten, zu dem verantwortlichen Beamten. Er kennt sich da ja aus. Meines

Zieles sicher, steuere ich das Polizeigebäude an. Komisch. Keine Anschrift, nichts. Irgendeine Wartehalle mit ein paar Stühlen, kein Büro. Auf meine Frage bei den drei Frauen in der Nähe bekam ich nur verdutzte Mienen und ein klares:

«Hier? Da war doch nie eine Polizeistation!» zur Antwort. Sie haben uns auf der ganzen Linie verarscht, die Freunde und Helfer.


So suchen wir uns ein Platz zum Nachdenken.

Am Flussufer, mit der Aussicht auf Kaukasus und den unvermeidlichen Abfall, verkroch sich jeder von uns in seine Socialmedia. Alle anderen Themen abfangen, nur ja nicht miteinander reden zu müssen. Sonst kracht es! Und es hat trotzdem gekracht. Meine Impulsivität und Gerolds Trotzen sind zusammen nicht weiterführend. Aber ja, jeder hat so die eine oder andere Macke. Auch die sch… Situation machte die Spannung ein wenig legitim. Wir wollen die Container abrufen, doch ohne eine Adresse bewegt die Spedifirma sie keinen Meter. Georgische Zöllner verlangen es so. Punkt.


Ich räume in meinem Handy auf. Schweigend lösche ich die unnötigen E-Mails und stosse so auf die markierten.

Es sind vier verschiedenen Optionen, Angebote weiterer Häuser und Grundstücke von der Internetplattform.

«Error 404» heisst es aber, wenn ich sie aufmachen will. Auch im erwähnten «My Home.ge» sind sie nicht mehr zu finden. Also löschen. Bei dem letzten Angebot, dem mit den Bäumen, versuche ich es doch noch einmal. Und schau da! Ein Haus mit Garten, von welchem Gerold immer geschwärmt hat. Unweit von hier.


Ich verkneife mir alle Bemerkungen und schlage vor, es anzuschauen. Verlieren können wir dabei ja nichts.

Also suchen wir das Dorf auf und fahren die Strassen links von den Gleisen ab, wie es auf dem Kartenausschnitt markiert wurde. Nichts gefunden, auch der Taxifahrer weiss nicht, wo es sein könnte. Na dann, noch einmal zum Fluss zum Übernachten.


Es wurde Montag.


Der Morgenkaffe war bitter, Lust auf Nichts, die Stimmung zieht sich wie der Nebel unter dem Kaukasus.

Auf meine Frage, wie wir den Tag gestalten, bekam ich kurzes: «Um halb Eins musst du mich nicht fragen ‘Was sind

die Pläne für den Tag?’» zur Antwort.

Kurz vor dem Explodieren «Warum muss wieder ich den Input zum Handeln geben?» wählte ich die Nummer unter der Hausanzeige und in 30 Minuten standen wir am richtigen Ort. Im gleichen Dorf, aber rechts von den Gleisen. Im Garten. Den Hâusi sollen wir direkt reinfahren. Ein Herr mit einem Stock läuft auf uns zu. Er ist auf der linken Seite gelähmt. Er schaut zu diesem Haus. Der Besitzer ist er nicht. Dieser wohnt in? Tiflis!


Es ist überwältigend, die Bäume und das Haus!


Klar ist das Ganze in die Jahre gekommen, aber auch bei uns ist einiges krumm, Grundgerüst ist nicht mehr das, was es mal war, die Fassade blättert ab. Aber der Charme, der bleibt. Wenn man ihn je hatte. Und den hat hier alles bestimmt und immer gehabt. In der Luft lieg neben dem Schafkackegeruch auch was Märchenhaftes. Gerold verschwindet direkt zwischen den Sträuchern und ich versuche, mir die Namen der anwesenden Leute zu merken. Chancenlos.


Ich wähle erneut das Nummer des Besitzers in Tiflis, um ihm mitzuteilen, dass wir ernstes Interesse haben.

Sofort willigt er ein, stockt den Preis um 1/3 auf und wir vereinbaren für kommenden Mittwoch ein Treffen.

Ich soll ja niemandem den Preis sagen, der Nachbar, der Marschrutka-Chauffeur, wollte es auch haben. Dieser sollte Mittwoch und und und….. Wir kennen es ja schon. Drei Monate lang ist das Inserat im Netz, aber gerade kommenden Mittwoch sollte entschieden werden. 😉


Die Stimmung stimmt. Jedoch sorgt eine bestimmte Stimme im Hinterkopf für unbestimmte Stimmungsschwankung:

«Das kann nicht sein, dass es so einfach ist. Da ist ein Hund begraben!» Tatsächlich ist auch der Nachbar, der Chauffeur, aufgetaucht und fragt mir Löcher in den Bauch. Ich stelle mich so an, als ob ich nicht so viel verstehen würde. Auch eine Strategie.


Nach einer Stunde sitzen wir schweigend im Hâusi und stationieren uns bei einer Teeplantage. Wunderschöner Ort, die Geschichte des Teeanbaus aus der Zeit der Sowjetunion wurde neu aufgegriffen. Frieden breitet sich aus, so wie die Schakale schreien im Tal. Und wir haben wieder einen Vierbeiner-Bewacher. Eine Hündin fühlt sich für uns verantwortlich und bei jeder Blattbewegung bellt sie zur Abschreckung. Es windet.

Morgens früh schlendern Schweine und Kühe an uns vorbei, gezielt in Richtung Teeplantage. Ob ihr Fleisch später nach Schwarztee schmeckt? Oder die Milch «very British», nur ohne Zucker? Wer weiss.

Wir packen unseren sieben Zwetschgen zusammen und fahren auf den Markt nach Kutaissi. Schliesslich besuchen wir schon heute Abend «unsere» Familie in Tiflis und machen wieder den berühmten Ingwer-Chacha. Direkt 10 Liter 96-prozentigen Alkohol, 10 Zitronen und 2 kg Ingwer haben wir gebunkert. Ein wenig zu viel, aber auch zu viel ist die fuc…g Strasse nach Tiflis.


In Tiflis endlich angekommen, herzlich bei Kartaschians empfangen, direkt 10 Liter Vodka gemacht. Schliesslich werden wir was zum Feiern haben. Wenn alles klappt. Aber erst ist der Hâusi dran. Wieder einmal. Der Lack war vereinbart, das Licht und die Blende… direkt morgen früh.


Es wurde Mittwoch

Wieder ein Koffer, wieder eine Unterkunft, diesmal im Zentrum von Tiflis gefunden. Um 13 Uhr ist das wichtige Treffen vereinbart. In einem Nobelteil der Hauptstadt empfängt uns ein älterer Herr. Ich schätze ihn so um die 70. Mit Maske auf dem Mund fahren wir mit dem Lift eines Hochhauses hinauf. Erst muss man ein paar Tetrimünzen in den Zähler werfen. Man zahlt pro Fahrt, das Metallkästchen mit dem Schlitz hängt in der Liftkabine. (Wie bei dem Schaukelelefant vor dem Supermarkt: Münze rein und los geht’s.) Die modernen Lifte haben ein System mit aufladbarer Fahrkarte.

Sodann sitzen wir auf dem perfekten Sofa in Gios und Lelas Wohnzimmer. Wir beobachten uns gegenseitig.

Gleichzeitig starren uns auch die Verwandten von den Wänden herab an. Wie es sich gehört, meistens in goldige Bilderrahmen gefasst. Mit ausgeblichenem Blick verfolgen sie jede Handbewegung beim Kaffeeschlürfen,

Kuchen probieren und am Ende atmen sie mit uns bei dem definitiven Handschlag auf.

Das Haus gehörte seiner kinderlosen Tante, er hat es geerbt. Keine Zeit, sich um den Garten zu kümmern.

Geschafft. Wir können diesen Herrn im wahren Sinne des Wortes nicht einschätzen. Er ist aus den «besseren» Kreisen und seine Frau auch. Bestimmt Politik, oder sonst noch was. Das Auftreten, die unzähligen Liegenschaften, hier und da ein Haus. Egal, die beiden besorgen einen Dolmetscher, bereiten den Vertrag vor. Noch diese Woche sollte alles vom Tisch sein. Wir verabschieden uns und fahren ohne einen Münzeinwurf runter. In Begleitung vom Gio, selbstverständlich. Er hielt das Taxi an, er vereinbarte den Preis, er gibt den Tarif durch. Also, bis bald!


Wir verbringen zwei schöne Tage in Tiflis. Für Freitagmittag erwarteten wir den Vertragsentwurf auf Englisch. Um 17.00 Uhr ist ein Termin beim Notariat gebucht. In Zehnminutentakt holt Gerold sein Handy aus dem Hosensack. Um 15.00 Uhr noch immer kein Anzeichen.

Um 15.30 Uhr: «Hallo, hier ist die Lela. Sorry unsere Dolmetscherin, die Notarin…» Dies das Ananas.

Eine halbe Stunde vor dem Termin treffen wir Gio und seinen Privatchaffeur.

Das Notariatsbüro ist gross angeschrieben. Doch der Herr Gio schwimmt mit breitem Schritt und Schultern zwischen den Strasseverkäuferinnen. «Notariat! Wo ist Notariat?!» Laut arbeitet er sich durch die kleinen Stände. Wir müssen uns echt zusammenreissen. Gio ist die Wichtigkeit selbst. Ich nahm alles heimlich auf, es ging nicht anders.

Dann das Verkaufsverfahren im Notariatsbüro: Orientmarkt mit einer Apostille am Schluss. Genau fünf Minuten Zeit bekamen wir, um den Vertrag durchzulesen. Die von Gerold gekritzelten Notizen auf dem Entwurf wurden von der Dolmetscherin barsch kritisiert. «Das geht doch nicht! Wegen Ihnen müssen wir es nochmals ausdrucken!» Die Arroganz in Person. Wie, noch einmal, war bitte ihre Funktion? Welche Farbe sie später unter ihrer Maske angenommen hat weiss ich nicht, was ich weiss ist, dass Gerold die falsche Farbe benutzt hat. Nämlich schwarz. Bis zum Schluss haben wir alle 12 Dokumente blau visiert, niemand merkte es. Keinen richtigen Schreiber haben wir bekommen, dafür ein Zusammenschiss. 😊 Und nach zweiter Runde Unterschriften den Vertrag!

Eine Urkunde für das Grundbuchamt. Wir nahmen das Schreiben entgegen. Wenn es sich dabei um ein Rezept für Katchapuri gehandelt hätte, hätten wir es nicht gemerkt. Alles auf Georgisch. Und dazu ein Angebot von Fräulein Dolmetscherin, falls wir mal wieder, oder so, mit Vergnügen…

Sicher. Wir sind scharf drauf. Diese Stimmung schaffen wir auch ohne Sie, liebe Frau Wichtig!

Wir sind immer noch ein wenig erschlagen von der Geschwindigkeit der Ereignisse und entscheiden uns, eine gute Flasche Wein zu trinken. Im Restaurant bestellt Gerold einfach irgendeinen guten Wein. Der Kellner soll wählen. Wir lassen uns überraschen. Eine Schweigeminute breitete sich aus, als wir den Namen auf der Flasche lesen: «Marani» Bingo! So heisst nämlich auch das Dorf, in welchem wir uns sesshaft machen werden. Es gibt keine Zufälle, oder?


Ja, es gibt sie. Gleich am Abend rief ich unsere Freunde in Batumi an. «Hey, wir haben ein Haus, wir sind glücklich, den Djubas, den Schäferhund, am Wochenende abholen zu können.»

«Oh, aber der Djubas ist nicht mehr da, der Besitzer ist heute gekommen, hat die Papiere gezeigt und ihn mitgenommen.» Enttäuscht aber gleichzeitig erfreut, dass Djubas und sein Herrchen wieder vereint sind, haben wir das Thema abgeschlossen. Wir werden schon einen Hund finden. Oder zwei.


Es wurde Montag

Montag also ab nach Marani. Unser «Gutsherr» Gio kommt mit. Vormittag hat er noch was Wichtiges zu tun, schiebt im 30-minütigen Intervall das Treffen nach hinten. Es wird schon dunkel sein, wenn wir ankommen. Und wir wollen noch vieles wissen und sehen. Ob er es so extra arrangiert, damit wir nicht viel zu viel fragen? Wir kommen wirklich nicht draus.

Irgendwann befinden wir uns auf der Schreckensstrasse in Richtung Kutaissi. Die Autobahn wird von chinesischen Truppen gebaut. Der Tunnelbau, das Überbrücken der Flüsse, bei vollem Tagesverkehr, ununterbrochen. Coronabedingt wurde der Bau für mehr als ein Jahr eingestellt. Alles zieht sich in die Länge, auch der Weg. Dementsprechend auch das Verhalten der ohnehin schon «fahrverrückten» Georgier.

Der Hâusi wurde unter den Umständen der vorhandenen Spenglerei-Einrichtung sehr gut lackiert. Der Radkasten fehlt noch und mit dem reparierten Scheinwerfer erzeugen wir auf der Autobahn ein buntes Diskolicht.

Gott sei Dank sind die Kühe schon zu Hause. Meine Nerven liegen blank.

Nicht nur im Restaurant auf dem Weg, sondern auch bei unserer Ankunft im Dorf verhalten sich die Leute, als hätte man in einen Ameisenhaufen gestochen. Alles rotiert, macht, folgt, gehorcht. Gio hat alles und alle im Griff.

Immer noch kein Plan, um wem sich da handelt.

In Marani fahren wir den Hâusi in unseren Garten. Es wird wirklich langsam finster. Trotzdem sind die entgegenkommenden Schafe nicht zu übersehen. Die Hühner reihen sich in ihrem «Hochhaus» auf und die zwei Enten watscheln in Richtung ihrer Kiste.


Ich habe mir nicht vorgestellt, dass mich Gerold über die Schwelle trägt (also es gibt genau 9 davon), aber das Beziehen unserer neuen Bleibe war ein wenig schräg. Schräg haben uns auch die herbeigepfiffenen Nachbarn angeschaut. Fast niemand hat was verstanden.

«Also Gio, zeig uns das, was wir noch nicht gesehen haben.» Ja, wir haben zwei Wasserbrunnen. Cool, oder? Nur stellt sich heraus, dass einer davon gar nicht uns gehört, sondern er befindet sich auf dem Nachbargrundstück. Das Benutzen wurde per Handschlag abgemacht. In welcher Generation? Niemand weiss in welcher. Na bravo! Ist das der vergrabene Hund? Wir denken schon, aber sicher ist es nicht der letzte. Da der zweite Brunnen unter dem Haus nur eine Tiefe von zwei Meter hat, werden wir auch noch tiefer graben müssen. Und das im wahren Sinne des Wortes.


Und?

Wir haben einen Mitbewohner. Den Herren mit dem Gehstock. Er machte nicht den Eindruck, dass er heute die Schlüssel abgibt und geht. Kommt da der erste Welpe? Irgendwie brauchte ich Wein.


In der Dämmerung und einer Rauchwolke, die bezeugt, dass die Georgier alles verbrennen - und das bedeutet alles - stand ich da und ein Film läuft. Heute kann ich mich gar nicht erinnern, wo sich Gerold damals befand.

So stürmisch, wie unser Gutsherr hier hereingeplatzt ist, ist er wieder gegangen. Retour nach Tiflis, heisst es.

Wir nahmen es ihm nicht ab. Egal. Er war einfach weg.


Wir stehen in dem Zimmer mit dem bunten Kamin. Die Katzen, mit welchen ich nie was anfangen konnte, schleichen um meine Beine. Extra, denke ich. Danke, noch tiefer versinken. So versinke ich in den Wein.

So schnell, wie der Wein fliesst, um so fliessender wird auch mein Russisch. Ein Herr mit wenig Zähnen erzählt verschiedene Geschichten. Wir erfahren viel und sogar mehr als uns lieb ist. Beispielsweise, dass, als die Urbesitzerin des Hauses, eine Tante, welche Olympiade hiess, verstorben war, starb am gleichen Abend auch ihre Kuh! Was sagt Knigge? Wie verhalte ich mich? Gerold diese Dinge zu übersetzen geht bei dem kollektiven Mitteilungsbedürfnis definitiv nicht. Ich mich da selbst akademisch durchschlingern. Wieder in der Position des Weihnachtskarpfens schweigt er und ringt zwischendurch nach Luft. Also hebe ich das Stakanglas hoch, auf Olympiade und ihre Kuh, deren Name unbekannt blieb. Es kam gut, die Georgier nehmen den Toast an. Hauptsache, es wird getrunken.

Mir war es wichtig zu klären, wann der Herr mit den Schafen, Hühnern, Schäferhunden und Gänsen ihren Weg gehen und wohin. Es war ein Tanz auf weichen Eiern, wie - wer auch sonst - meine Grossmutter sagen würde.

Ich sollte aufpassen, was sie mir die Georgier da aus ihren Plastikflaschen einschenken. Meine Hemmschwelle sinkt und ich werde neugierig. Zaza, der Mann mit dem Stock, schaut seit fünf Jahren zum Grundstück und seit einem Ereignis wohnt er auch im Haus: Wenn ich an den Baustil und die angewendeten Vorgänge denke, müsste ich mich jetzt über das Kommende lustig machen. Ich bleibe einfach nur bei der Aussage: «Es überrascht mich nicht.»

Zaza hat eine Frau, vier Kinder, zwei Hunde, sechs Schafe, zwei Gänse, einen Hahn mit dessen Harem und ein Haus. Also hatte ein Haus. Für die Kinder wollte er noch ein Zimmer anbauen. Der Bau ging zu Ende, es bleibt nur noch die Treppe. Eine neue Treppe liegt finanziell nicht drin. So muss das alte Haus ein wenig nach rechts verschoben werden. Und dann… Treppen runter und das ganze Haus mit.

Seitdem lebt Zaza hier, seine zwei Ältesten in Batumi, von wo aus die Frau täglich in die Türkei reist, um Geld zu verdienen. Eine Tochter wohnt beim Bruder und dorthin würde er auch gehen müssen.


Die Art des Bauens in Georgien ist in vielen Richtungen speziell. Wirklich. Unser Haus beispielsweise hält in der Mitte ein breites Fundament für die drei Cheminee fest. Dazu kommen ein paar Grundsäulen. Und? Die Treppen! Okay, wir wissen jetzt, was uns heilig sein sollte. 😉

Ein weiterer Herr mit noch weniger Zähnen erklärt uns, was alles an unserem Haus gemacht werden muss. Und sie werden es umbauen. Dabei zeigt er auf Zaza und seinen Bruder. Mein Blick schweift auf die zwei. Zaza, der wegen eines Schlaganfalls auch den Rollstuhl benutzt und sein Bruder, der ohne Gehstock kein Schritt macht.

Halleluja! Wein her!

Wir ziehen uns zurück in den Hâusi und schlafen beide den Umständen entsprechend. Schlecht.

«Ok, Regina, weiter geht es.» denke ich am nächsten Tag. Irgendwie plagt mich ein schlechtes Gefühl.

Seit wir in Georgien sind, haben uns viele Leute viel geholfen. Mehr, als wir es gewohnt sind. Überall.

Mit Gerold bin ich mir deshalb sofort in einer Sache einig. Ich konnte es kaum erwarten, am Abend Zaza wiederzusehen. Er wirkt ein wenig zerknittert und schaut mich fragend an. Wir teilen ihm mit, dass er bleiben soll. Wir werden sowieso einen Monat weg sein. Er solle an seinem Haus bauen und zu unserem Grundstück und dem zurückgebliebenen Hâusi schauen. Seine Berührung war spürbar. Später, als ich ihn bat, uns keine weiteren Dinge wie Milch, Eier, Zigaretten usw. zu schenken, sagte er: «Das grösste Geschenk ist, dass ich noch bleiben darf. Das ist mit nichts zu übertrumpfen. Danke.»


Ob es eine gute Idee war, wird sich noch zeigen. Seit zehn Tagen wohnen wir in einer Gemeinschaft.

Zaza geht, wenn wir noch schlafen und kommt, wenn wir uns schon im Hâusi vor der Abendkälte verkrochen haben.

Für seine Hühner, die unsere Eier legen, koche ich nun ein Süppchen. Roy, den Schäferhund, bestechen wir fast täglich mit Leckereien. Wir haben uns entschieden, noch nicht in das renovationsbedürftige Haus umzuziehen.

Das «Hâusieren» im Hâusi ist uns ans Herz gewachsen. Unser treuer Begleiter verfügt über unzählige

«Kampfspuren». Und wir bleiben noch zu zweit. Die Maus hat auch begriffen, dass sie nicht in unsere WG passt. Sie ist ausgezogen. Hoffe ich wenigstens. Proteinvorrat und Oro-Kekse sind unberührt geblieben. Yeah!


So haben wir uns mit einem Tempo «wie gesehen – gefallen – gekauft – bezogen» in Marani sesshaft gemacht.

Wir haben unser Tempo nun gedrosselt. Aus der Autobahn ist die Fussgängerzone geworden. Hier ist Stress ein Fremdwort. «Was du heute machen kannst, lässt sich auch morgen erledigen.» Das neue WC, Wassermischer, Gasboiler und die Waschmaschine haben wir schnell gekauft. Die zwei Brüder machen es ja, klar, kein Problem, morgen. Morgen. Und nochmals Morgen. Abends. Nein, doch nicht. Die Waschmaschine läuft, das WC wackelt zwar ein wenig, aber ist angeschraubt. Nach dem zweitem Versuch fliesst auch das Wasser rein. Warmes Wasser erleben wir vermutlich bis zu unserem Abflug in Dezember nicht. Wie Gerold sagt: «Die Schweizer haben die Uhr und die Georgier die Zeit.»

Unsere kunterbunte Villa und der Paradiesgarten werden uns noch brauchen. Von wo unsere Fähigkeit kommt, diese Achterbahn, die extremen Tiefs und Hochs auszuhalten, wissen wir nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es am Schluss immer aufgeht. Im Gleichgewicht.


Was wir auch nicht wissen ist, wann die Container ankommen. Die Lage an der polnisch-belarussischen Grenze, die Situation in der Ukraine, Schnee in den Bergen, die Anforderungen der Spedition und der Zollbeamten - alles zieht an den Kräften. Das Verfahren ist filmreif.


Reif sind auch die Mandarinen neben dem Hühnerhochhaus. Ich hole uns jetzt ein paar und dann mache ich ein Termin bei Edik und Njödja ab. Die Arbeit ruft!


PS: Der «Sportlehrer» wünschte uns heute viel Glück im neuen Haus.

Alles wird gut.



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