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  • Regina Bircher

…. Und so vergehen die Tage….

«Sage nie Hopp, bevor du nicht gesprungen bist!»


Diesen Spruch hörte ich mal bei meiner Grossmutter und er kommt mir bei manchen Situationen wieder in den Sinn. Und so war es auch mit «aus dem Netz zu springen» (Mein letzter Beitrag). «Der Hâusi steht für euch in Tiflis parat.»

Ich sah mich schon in einem Zeitlupentempo auf ihn zu rennen, mit beiden Augen zwinkernd, «klick, klick»,

gehen seine Türen auf, wir steigen ein, drehen den Schlüssel und los.

Das Einzige, was sich bei unserem Wiedersehen gedreht hat, waren schwarze Gedanken in meinem Kopf und beim Seitenblick zum Gerold wagte ich es nur zu knurren. Na ja, georgisch repariert, haben sie gesagt. Alles klar. Klar war auch, dass wir mit diesem einäugigen Piraten, der aus dem Maul eines blanken Kühlers knirscht, keinen Meter fahren werden. Für Gerold bedeutete es, die Kugelblitzmiete zu verlängern. Für mich zum x-ten Mal den Koffer und den Inhalt der Kisten neu zu organisieren.


«In drei Tagen!» heisst es. Sie machen den schon noch komplett fertig. Keine Sorge. Also 7 Tage, denke ich, und da es wieder einmal regnen soll, nehmen wir warme Klamotten und Regenzeug mit. Der Rest kommt in den Hâusi, dreckiges zu Kartaschians. Schon vor dem Tor zum Hof «unserer Familie» rufen wir «Privjet, die Okkupanten sind da!»

Tatsächlich liegt ein Teil unseres Hab und Guts im Gang, Wohnzimmer, Keller und sobald wir die Küche betreten, macht die Waschmaschine schon selbständig brav Aáááá. Es sind meistens die aufwühlenden Momente, die unsere Freunde mit uns erleben. Ein warmer Tee, Kafi oder Granatäpfel direkt vom Baum stehen dann sofort auf dem Tisch. Kleine Gesten und Zusprüche bügeln immer wieder das Zerknitterte glatt. Ob sie wissen, was es für uns bedeutet? «Narmalna» antwortet Karina, hebt die Hände hoch und geht ihrer Arbeit nach.


Karina fasziniert mich so sehr, dass ich es nicht lassen kann, ein paar Worte über sie zu schreiben. Ihre ruhige Art erinnert mich an meine Tochter. Doch Tezi und kein anderes mir bekanntes Mädel hätten je ihr Leben so eingerichtet, wie es diese junge Frau tat. Mit 17 hat sie den Sohn «unserer Familie» geheiratet. Sofort war klar, dass sie ihrem Traumberuf «Friseuse» nicht nachgehen würde. Nicht nur wegen der Geburt ihrer ersten Tochter. Bräutigams Familie ist gross, das Haus braucht kräftige Hilfe. Urgrossmutter, Schwiegereltern, Tante, Mann, sie und zwei Kinder gehen jeden Tag dem Üblichen nach. Karina ist die erste, die in der Küche steht, die letzte, die das Licht löscht. Jeden Tag. Geduldig kocht sie alle Mahlzeiten, tischt Kaffee und Kuchen auf. Sobald sie den Sohn in den Kindergarten gebracht hat, zerlegt sie eine Henne vom Hof für die Suppe, dann schnell die Wäsche aufhängen, liebevoll die Haare der Tochter richten. Kurze Haare gibt es hier nicht zu sehen. Die Suppe kocht, Karina flechtet geduldig die Haarkunst und zieht die Achtjährige inkl. Schuhe komplett an. Kinder werden in Georgien vergöttert.

Schnell noch die Einkaufstasche mitnehmen, die Kleine in die Schule bringen. Da es in den Schulen an Platz mangelt, werden die Klassen in Schichten aufgeteilt. Ungerade Klassen am Vormittag, die geraden am Nachmittag. Immer. So geht und kommt sie, bringt Suppe, Granatäpfel, trocknet Früchte und Kräuter. Kocht, wäscht ab, kocht, wäscht ab. Kind bringen, holen, anderes Kind bringen, holen, mit ihnen die Schulaufgaben erledigen…

Ich ziehe meinen Hut vor dieser Frau. Ein Anzeichen von Unmut und Unzufriedenheit habe ich bis jetzt nicht beobachtet. Es ist so und es soll so sein. Wer soll sich sonst um sie alle kümmern? stellt sie mir die Gegenfrage. Eine moderne, kluge, junge Frau mit Körper und Gesicht einer orientalischen Prinzessin

lebt den Tag in der Küche und auf dem Hof aus. Glücklich, sagt sie.

Die zweite Braut, Frau des ersten Sohnes zieht momentan ein Privatunternehmen auf. Mit zwei Kindern ist das auch eine Herausforderung. Doch es ist eine andere Welt.


Wir verabschieden die duftende Küche, steigen in den kleinen Prius und fahren aufs Land. Einfach weg von Tiflis, weg von der nächsten Enttäuschung, genervt, auf Hâusi verzichten zu müssen. Es scheisst einfach nur noch an. Sobald wir die stinkende Stadt hinter uns haben, nehme ich die Schutzmaske runter, trockne den Angstschweiss ab. Verkehrstechnischen Bericht haben wir schon erstattet – reicht sowieso nicht. Man muss es erlebt haben. Die Maske dämmt den Abgasgestank der katalysatorfreien Fahrzeuge. Nach und nach löst sich der Unmut, wir haben einmal mehr justiert. Der Kugelblitzmotor brummt seinen Hybrid-Song. Die von uns gewechselten Hinterräder rollen ins Unbekannte.

Wir haben uns für den Teil Georgiens entschieden, in dem es nicht regnen soll. Wir fahren hoch in Richtung Kazbegi, die sogenannte Heerstrasse entlang. An hunderten wartender Lastwagen vorbei steigen wir in die wunderschöne Landschaft hoch. Ein Denkmal zur Ehren der Russisch-Georgischen Freundschaft steht am Abgrund einer atemberaubenden Schlucht. Was für eine Art Freundschaft muss es sein, wenn die aus Russland Einreisenden einfach so die Grenze passieren können, für die Georgier dorthin jedoch eine Visumspflicht gilt? Uns kann nichts mehr überraschen.

Doch, die Natur kann das. Und die Natur kann das immer. Die Berge, die Täler um uns herum färben sich gerade in den Herbst. Bei dem Anblick einer der riesigen Schafherden auf der anderen Seite des Tals stockt uns der Atem und das Herz wird wärmer. Wie Wolken am Himmel ziehen hunderte flauschige Knäuel über die Kanten und Rillen im Berg. Das Pfeifen der Peitsche, die Rufe der Hirten vermischen sich mit dem Hundegebell. Idyllisch für uns Zuschauer, hart für die Hirten, die ewig Reisenden. Eine Plastikplane und ein Fell ist ihr Zuhause für mehrere Monate. Sie ziehen runter von den Kazbegi-Bergen, von Orten, welche nur zu Fuss, zu Ross oder mit dem Hubschrauber erreichbar sind. Es sind einige der schönsten Stellen Georgiens, über die man hier singt und tanzt. Über viele gibt es eine Saga, Geschichten oder wenigstens einen Vers.

Ob es etwas Kulturelles über die Kühe und Schweine am Strassenrand gibt, habe ich noch nicht herausgefunden. Verdient hätten sie es aber. Seelenruhig spazieren sie durchs Dorf, schnappen hier und da was Leckeres auf. Die frechen steigen sogar in fremde Gärten ein. Sehr mutig ist es, in der Mitte der Autobahn zu picknicken, oder in der Bergkurve im Sonnenschein zu liegen, alle 4 Mägen im Einsatz. Nur kauen und kauen, egal wie viele und welche Fahrzeuge vorbeisollten. Am Abend bildet sich im Dorf vor jedem geschlossenen Gartentor eine Kuhgruppe. Wie vor der Eröffnung eines neues Applestore. Auch sie werden gemolken.


Die Tiere sind gemeinsam mit den Pferden ein wichtiger ökonomischer Teil jeder Familie. Welchen Status aber ein Hund hat, steht in den Sternen. Es gefällt mir nicht, was ich sehe. Ich will es nicht sehen, doch sie sind überall und… Wir haben jetzt auch einen. Reserviert.

Doch schön der Reihe nach. Es war ein Kulturschock, aus 2 400 m Höhe zurück nach Tiflis zu fahren.

Wieder ins Hotel, wieder dreimal verfahren, weil die Applikation nur für die Katze ist. Wieder Diskussionen, dass sie ja das Zimmer von Booking – bla bla bla!

Die Masche ist, über Booking ein «letzte Chance»-Zimmer zu veröffentlichen. Der Preis ist human. Also buchen. Kommst du an: «Oh je, gerade besetzt, Fehler, Glas Wein als Entschuldigung» etc. Am Schluss verkaufen sie das teure Zimmer, obwohl die anderen, günstigeren leer bleiben.

Ok. Morgen haben wir den Hâusi, alles wird gut. Jetzt kalt, schnell Klima an. 26° C einstellen und los.

In allem sind sie grosszügig, die Georgier, auch mit ihren Zimmern. Zu breit, zu hoch. Unnötig, doof. Heizen jetzt. Immer noch kalt. Nichts ist passiert.

Nichts ist auch mit dem Hâusi passiert!!! Kein Gerät, um den Rahmen zu richten, kein Platz, kein Mensch, kein Bock! Wir stehen wieder in Karinas Küche und sie eilt mit Chacha und Kuchen herbei. Nein, jetzt ist es echt nicht mehr lustig. Jetzt lässt sich nichts mehr bügeln, jetzt muss was passieren, wir können nicht mehr.

Anstatt uns sesshaft zu machen, unsere Dinge zu erledigen, sitzen wir wieder da und eine weitere Nacht in einem weiteren Bett erwartet uns. Über das ganze unerwartet ausgegebene Geld will ich lieber nicht schreiben. Ich packe den Koffer wieder um. Den Prius haben wir abgegeben. Als Zeichen. Morgen wollen wir unser Zuhause! Geschlafen haben wir nicht. Ich hasse das Gefühl, komplett ausgeliefert zu sein. Gerold ist einer der tolerantesten Menschen, die ich kenne und er schläft sehr gut. Aber nicht in dieser Nacht. Vor allem, wenn eine wichtige Person trotz Vereinbarung das Telefon nicht abnimmt.

An nächsten Tag nehmen wir das Taxi und haben die «Garage» gefunden. Für einen KFZ-Mechaniker ein blanker Horror, für uns wieder ein Zeichen der Kreativität. Ich war baff, belustigt, überrascht - alles in einem.


Und hier steht unser Hâusi und es wird an ihm gearbeitet. Halleluja!

Wie und mit welchen ästhetischen Folgen, war mir in dem Moment egal.

Wir haben den Taxifahrer weggeschickt, den Koffer reingestellt. Klarer konnten wir nicht ausdrücken: heute fahren wir hier weg. Nach Batumi. Wir sind doch bei unseren Freunden zum Geburtstag eingeladen. Versprochen, heute Nachmittag geht es langsam dorthin.

Am 14. Oktober, sieben Wochen nach dem Unfall, fuhr Gerold unser Zuhause aus dem Autohof raus.

Klar, eben, die kosmetischen Details machen wir noch. Ja, aber nicht jetzt.

Bei Kartaschians angekommen «danke nein, keinen Kaffee.» Umpacken, laden, fahren. Ich sammle noch schnell die Wäsche ein, aber vorher runter auf die Strasse, um ein Foto zu machen.

He? Das Vorderrad fehlt!

Gerolds Beine, welche unter Hâusis Hintern hervorragen, bedeuten nichts Gutes.

Im Kurzen: Vorderpneu - geflickter Unfallpneu und Ersatzpneu sind kaputt. Luft raus. Auch bei uns.

Nachtschicht eingelegt - 6 Garagen abgefahren, kein Pneu in unserer Dimension.

Morgen um 10.00 Uhr. Vielleicht.

Eine Nacht im eigenen Bett, Kissen, Kuschelbär, die vertrauten Geräusche, ein Balsam auf unsere strapazierten Seelen. Und wieder hat tags darauf irgendjemand irgendwo irgendwie Erbarmen mit uns gehabt. Um 13.30 Uhr fuhren wir aus Tiflis in die Richtung Batumi (380 km) los. Wir wollten doch zu den drei Geburtstagskindern!


Mit der Tatsache, dass eine Tschechin und ein Schweizer in Georgien von einem Ukrainer

abgeschossen worden sind, ein Armenier bei den russischen Mechanikern die Reparatur

organisiert und am Schluss noch die Pneus ein Direktimport aus Gampelen in der Schweiz

sind, ist das Ganze in eine Tragikomödie mutiert. Das Drehbuch hat leider noch ein paar Seiten. Wir brauchen noch Lack und Licht. 😉


Ich habe gesagt, ich kann das nicht, mit dem Hâusi dorthin zu fahren, wo es zum Unfall gekommen ist. Nicht ohne Rauschmittel oder Tabletten oder so. Nun sind wir unterwegs. Wir tuckern gemütlich auf der Autobahn in Richtung Batumi und ich habe mich langsam erholt und werde mutig.

«Du, Gerold? Kann ich fahren?» Seine Reaktion - nämlich keine - bestätigte, dass er meinte, ich mache Witze. Mit dem Kugelblitz bin ich maximum 100 Kilometer gefahren und das voll abgeschottet von der Zivilisation und dem Andrang in der Innenstadt.

Also muss ich nachhaken. Gerold? Sind wir schon aus der Stadt? Doofe Frage, ich weiss, aber solche stelle ich ab und zu auch. Wenn es hilft? Warum nicht.

Zufrieden und glücklich richte ich den linken Rückspiegel, den rechten lasse ich «bambele». (Lass la bambele – Lied des Musikers «Müslüm»).

Georgisch denkend, egal wie, aber es ist dran, fahre ich los. Balsam, Balsam. Die Wunden verheilen

langsam, wir sind vereint. Wir, Hâusi und die - MÄUSE! Die Mäuse sind nicht da! Immer noch in der Wanderkiste bei Kartaschians!

Fast spucke ich dreimal über die Schultern, so abergläubig bin ich. Doch retour nach Tiflis, um unsere Filzbegleiter zu holen? Dafür hätte es definitiv ein Tablettchen gebraucht. Also weiterfahren, Konzentration, Batumi naht. Und damit auch die Dunkelheit. Dank Gerolds verbaler Hilfe kutschierte ich die 6-Meter-Kiste (sorry Hâusi) durch die vollen Strassen. Es ist bald 19 Uhr und wir sollten den Berg hoch in das Geflecht der Strässchen, wo wir uns damals verfahren hatten. Und das schafften wir auch diesmal. Adrenalin steigt, ich sehe kaum was, «links fehlt Licht», denke ich. Noch eine Kurve, wir beide sind nervös. Sicher beide. «Links», «nein rechts», «nein, das ist eine Hauseinfahrt», «schau doch selbst», «fahr doch selbst», «du mich auch», links rechts und wir sind da. Erleichtert stehen wir vor Murwans Haus, wo die Grosse Party steigen soll. Merkwürdig ruhig hier, bis auf die Familie ist niemand mehr da.

Fast ergreift mich schlechtes Gewissen, nicht ein Teil der Party zu sein. Dann weckt eine Blitzgedanke

meinen Verstand wieder auf. Die Georgier sind Nachtmenschen. Sie werden nie, aber wirklich nie, eine Party vor 20.00 Uhr beenden, auch wenn einer der Jubilare gerade 3 Jahre alt wird.

Und so war es auch. Die Geschenke werden verteilt, sofort müssen wir zu Tisch. «Setzen Sie sich doch!»

Ja klar, wir sind seit 7 Stunden nur am Sitzen. Aber hier widerspricht man nicht. Murwan hat alles im Griff. Zum Glück treffen nach und nach Leute ein. Zu meinem Leid sprechen nur wenige Russisch und nur eine Person Englisch. Zum ganzen Übel sollte ausgerechnet ICH! Heute der Tamada sein. Ich sitze an der Stirn des grossen Tisches und soll vor jedem Anstossen einen Trinkspruch kreieren. Jetzt weiss ich echt nicht, wer wem was übersetzt.


Der Abend war lang, einer der Onkel übernahm meine Funktion des Tischdirektors. Sofort hat er auch eine Liebe zu tschechischem Schnaps, welchen wir mitgebracht haben, gefunden. So ist es laut und lustig geworden. Man hat gesungen und getanzt.

Die anfänglichen Hemmungen sind verschwunden, aber unser Gefühl, eine Zoo-Attraktion zu sein, blieb.

Schlafen im Hâusi? Undenkbar! Wir steigen wieder in das muffige Bett. Die Familie wird wer weiss wo verstaut. Bei dem Diskolicht am Spiegel, mit letztem Blick auf die Waschmaschine in der Ecke, sind meine letzten Gedanken in diesem Schlafzimmer: «Nichts wie weg da!»

Erstaunt war Murwan morgens früh, als wir unsere Abfahrt verkündeten. Enttäuscht gleichzeitig.

Doch wir haben definitiv keine Lust mehr, allein an vollem Tisch zu sitzen, unter strengsten Blicken

irgendetwas überhaupt runterzukriegen und vor allem: zu schweigen. Beim Versuch, etwas helfen zu wollen – Arbeit sah ich viel – werde ich wieder zum Ausruhen aufgefordert. Leider ist ein grosser Teil der

Familie von einer Art Behinderung betroffen, sprachlich und motorisch. Die Kommunikation stockt, die Themen gehen aus.

Ein Thema nahm ich mir dennoch vor. Ich fragte, wie wir uns verhalten sollen, was wir unternehmen können, damit wir die Grenze brechen. Die Grenze, die den Gast von «einem von uns» trennt. Damit wir in Zukunft nicht mehr nur bewirtschaftet werden, sondern es uns erlaubt wird, auch beizutragen.

«Nichts müsst ihr machen, die Leute müssen es begreifen» war Murwans Antwort. Mir war klar, dass ich hier am falschen Grab weine. Liess es lieber sein. Also versuchten wir es mit einem Spaziergang. Der Enkel wird getragen, der Sohn (halbseitig gelähmt) lässt den zugelaufenen Schäferhund nicht von der Hand. Dementsprechend verlief das Laufen, nach 300 Metern kehren wir um und uns ist beiden ist klar: wir fahren bald los. Und wir haben einen Hund!

Es lässt sich noch ein Argument mehr vorbringen. Wir müssen weiter, um das Grundstück bei Kutaissi, welches wir aus dem Internet kennen, anzuschauen. Sobald wir uns sesshaft machen, kommen wir, um den bei ihnen deplatzierten Hund abzuholen. Hier darf er scheinbar nicht bleiben, die Schule in der Nähe, die Kinder haben Angst.


So packen wir die Limonen, Mandarinen, Chacha und die Nüsse ein, versichern uns eines baldigen Wiedersehens, knuddeln noch schnell den Hund und fahren den Hâusi in Richtung Kutaissi. Ich brauche das Meer, eine Seelenkur. Die funktioniert immer. Kurz anhalten, die Wellen beobachten, weiter geht es. Ich freue mich auf die Zweisamkeit in unserem Zuhause.

Denkste.

Wir stellen den Hâusi in der Nähe des Grundstückes ab, um den Geräuschpegel zu inspizieren.

Wir sind nämlich direkt neben dem Flughafen Kopitnari. Für uns ein zentraler Aspekt. Die Direktflüge aus Europa steuern genau diesen kleinen Flughafen an.

Es vergehen keine zehn Minuten und schon steht ein verdutzter Mann vor unserer Tür. Ja, wir schlafen hier. Ja, wir sind uns bewusst, dass hier ein Flughafen ist. Nein, wir wissen nicht, dass

30 Meter weiter beim Pipi machen eine Verhaftung droht. Aha, ok, na also, wir kommen «schnell» mit ins 500 Meter entfernte Haus. Nein! Der Hâusi bleibt hier.

«Himmel, Hölle, Paradies» – springe ich zwischen den Kuhfladen dem alten Mann nach. Vorbei an unzähligem Vieh, das aufs Melken und Füttern wartet, helfen wir in der Dunkelheit, zwei seiner Tiere zu suchen, die heute nicht nach Hause zurückgekehrt sind. Ein Hof, ein Traktor, je ein Haufen Mais und Mist, Enten, Kühe, Pferd und viel Schlamm. Ganz viel Schlamm. Ob es den Wetterbedingungen hier zuzuschreiben ist? Das Gebiet ist für häufige Niederschläge bekannt.

Bekannt haben wir auch uns gemacht.

Njödja – Regina, Regina - Edik, Edik – Gerold, Gerold – Njödja «otschen prijatno».

Njödja und Edik, zwei Brüder, welche nicht so alt sind, wie gedacht (59/52), ziehen uns ins Haus und

schon tischt Njödja den Käse, das Brot, die eigenen Früchte, wunderbaren Brei auf.

Und sie reden. Beide. Schnell. Viel. Immer. Einer über dem Anderen.

Sie sind arbeitslos, vom Staat verarscht, sie haben so viele Fähigkeiten, niemand will sie. So kommen sie aus der Stadt, bewirtschaften die Tiere, das Grundstück, stellen eigene Lebensmittel her.

«Revolution nötig!» ruft plötzlich Edik, steht in der Mitte des Raums und deutet an seine Füsse und Hände. «Ich könnte für mich sorgen, ich bin eigenständig. Wenn alles den Bach runtergeht, haben wir was zum Essen!» Dazwischen streut Njödja seinen Pfeffer hinzu. Um eine Oktave und Lautstärke höher. Mir brummt der Schädel und der Blick zum Gerold weckt die Weihnachtsstimmung in mir. Er erinnert mich an den Karpfen, den wir früher erst in der Badewanne aufbewahrt haben, bevor der am Heiligen Abend paniert wurde. Mund auf und dann wieder - «klapp» - zu. Paarmal, aussichtslos.

Keine Chance selbst beizutragen. Wir sind müde und möchten nach Hause. Erst aber noch die Destillerie und Weinproduktion im Ziegenstall bewundern, verkosten und wieder intervenieren: «Nein, danke, wir sind uns bewusst, dass der Gast zum Übernachten bleibt. Wir haben zwei Monate auf unser Bett gewartet» etc. etc.

Geschafft! Süsse Träume. In der Nacht nehme ich kurz ein Flugzeug wahr. Wahrgenommen hat uns bestimmt wieder das ganze Dorf. Kaum die Augen gerieben, noch in der Unterwäsche, sehe ich einen Typen vor dem Hâusi kreisen. Die anschliessende Story hätte einen eigenen Beitrag gegeben, aber ich versuche es abzukürzen.


Akaki der «Sportlehrer» hat Wind von unserer Anwesenheit bekommen. Wir wollen uns das Nachbargrundstück anschauen – das aus dem Internet. Doch seinen «Empfangsmodus» ausgeschaltet, zieht er uns die folgenden drei Stunden über seinen Acker und sein Land, in ein renovationsbedürftiges Haus. Unterbrochen «sendet» er seine Informationen. Er hat hier alles gekauft er kennt einen der einen anderen kennt, schliesslich ist er in der Politik. Eine Gegend mit viel Potenzial, handelssteuerfreie Zone, big Business, usw. Er weiss Bescheid. Seine Aussagen und die Aufdringlichkeit wecken in mir bald Anzeichen einer Aggression. Doch ich lächle anständig. So ein Angeber. Dazu betatscht und begrapscht er mich ständig, rückt seinen Stuhl immer näher und bespuckt mich aus seinem zahnlückenvollen Mund.

Doch sein Grundstück entspricht genau unseren Vorstellungen. «Durchhalten Regina!»

Wir nehmen trotzdem Verbindung mit dem Besitzer des «Internet-Grundstücks» auf.

Njet, ein Teil des Landes ist agricular = nicht an die Ausländer zu verkaufen.

Später meldet er sich noch einmal. Er hat bei der Justiz nachgefragt (Samstagnachmittag?)

Und falls wir jemanden hätten… Das wissen wir. Es gibt mehrere Varianten, zu einem Grundstück zu kommen. Und das weiss auch der «Sportlehrer» und drängt auf eine Partnerschaft mit grossem Business, mit Potenzial, mit keinen Steuern, mit den Kuhfladen an seinen Schuhen. Er ist ja der Politiker.

Als wir am Sonntag losfuhren, steckt seine Nase immer noch zwischen den Schiebetüren vom Hâusi und die Platte läuft und läuft.

Anstandshalber halten wir ein paar Meter weiter bei Edik und Njödja an. Um Tschüss zu sagen, bevor wir uns entfernen, und um alles nochmals zu überdenken. Chodite, sagt Edik und macht das Tor von einem benachbarten Grundstück auf. Ein Paradiesgarten, sauber, gepflegt. Unter einem grossen Baum duckt sich ein pinkiges Häuschen, nebendran steht eigener Brunnen. Was meinen wir, bevor wir weiterziehen? Edik und Njödja haben noch einmal die Köpfe zusammengesteckt. Wäre das auch was? Wir machen keine Fotos, wir wissen sofort. JA! Bedenkzeit für uns alle ist trotzdem gesund.

Wenn man nicht gerade krank ist. Und das war ich.

Ob das ständige Bespucken vom «Sportlehrer» oder die nasse Kälte die Ursache ist, weiss ich nicht.

Ich lag flach, alles nervte mich und ich schluckte brav die Medis, trinke vom Gerold mit Liebe gekochten Tee aus Murwans Limonen und Mandarinen. Wieder eine Woche, die verloren geht, grübele ich!

Mein Bauchgefühl sagt: «Ruf an, melde dich, ruf an!»

Also wähle ich im Messenger Njödjas Nummer und teile den Brüdern mit, dass wir das Land sehr gerne für uns haben würden. Wir kommen ein paar Tage später, um weiteres zu besprechen.

Und Edik mit Njödja haben wieder einmal die Köpfe zusammengesteckt – sie wollen ein Businessplan! 😊

Meine Temperatur ist gestiegen, so perplex war ich. Revolution!

Wir kommen ja, sicher. In drei Tagen fahren wir nach Kutaissi. Bin auch froh, dort soll es wärmer werden.

Bald ist es Zeit zu heizen, die Gasflasche aufzufüllen. Gleiches hat auch die Maus im Vorratsschrank gemeint. Proteinhaltiges fehlt. Ja, zu unseren zwei Filzmäusen ist eine, ich hoffe kleine, Maus bei uns eingezogen. Ich höre sie in der Nacht und wische täglich ihre Spuren weg. Klar ist, es ist keine «Schweizermaus». Gerold suchte Honig und ich empfahl ihm, die Maus zu fragen. Sie hat schliesslich zurzeit dort unten die beste Übersicht. Beide haben nicht verstanden. Gerold den Witz, die Maus die Sprache. Keine Antwort.

Doch meine Antwort auf ihre nächtlichen Streifzüge hinter der Polsterung und die Mäusekacke zwischen den Jacken und Pullovern gehe ich heute kaufen. Die Sofkekse – die liebt sie. Und dann – klick!

Klick hat es heute auch bei der Heizung gemacht. Schön warm ist es hier im Hâusi. Das Gas nachzufüllen war nicht so schwer. Wieder was gelernt.

Tiflis hüllt sich in eine Demonstrationsstimmung. Obwohl im Zentrum parkiert, gehen wir dem Ganzen aus dem Weg. Wir haben Wichtigeres zu tun. Das Land für uns, den Platz für die Container und Hauptsache: Land für den Hund zu sichern!

Ich bin gespannt was Edik und Njödja Neues ausgetüftelt haben.


PS: Und ja, die Frau des Sportlehrers hat auch schon wieder geschrieben. Via Messenger.


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