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  • Regina Bircher

Reisen – Regina

Warum die Rumänen so viel Land bekommen haben.

27 Tage in Rumänien.

Das mit den Vorurteilen ist es echt eine üble Sache. Ich gebe zu, dass ich mir vor der Abreise nach Georgien nicht vorstellen konnte, so viele Tage hier zu verbringen. Nun stehen wir in einem Hippie-Ort an der bulgarischen Grenze, nutzen die letzten Einheiten der Internet-Karte und ich habe keine Ahnung, wie ich meinen Beitrag gestalte, damit er nicht in einen langen Vortrag ausartet.

Dieses Lands verdient es aber! Es ist mir – uns – ans Herz gewachsen.

«Rumänien ist dreckig, voller Zigeuner, Betrüger und Diebe. Die schweizerischen Reisebüros haben kein Interesse an diesem Land». Selbst schuld!

Mit etwa 240 Tausend Quadratkilometern Landesfläche bietet Rumänien eine Vielfalt an Natur-Highlights an, ebenso in kulinarischer und kultureller Richtung.

Die gefahrenen 2 800 km über Strassen, die den Hâusi recht strapaziert haben, über die wunderbar gepflegten Kurven der «Transalpina» und «Transfãgãrãsan», sowie die modernen Autobahnen waren es wert - gesäumt von Unternehmungen der Autoindustrie, westlichen Firmen, Bierbrauereien (egal welchen Labels), Einkaufsmeilen und von der EU finanzierten Windrädern.

Leider hätte an den 1 000 Stück im Südosten aufgestellten Giganten der Don Quichotte de la Manche mehr Nutzen als das rumänische Volk. Nur 5 % der produzierten Energie können gespeichert und genutzt werden. Die Kosten für die nötigen Leitungen für die verbleibenden 95 % «will» sich Rumänien nicht leisten müssen. In kleinem Rahmen haben wir dieses «ich tue so als ob»-Schema in den Campingplätzen zu spüren bekommen. Etwa an einer Unterkunft an einem märchenhaften Ort mit sensationeller Küche und viel Platz zum Verweilen fanden wir nur 2 Toiletten vor und für die Dusche war es nötig, den Ekelmodus abzuschalten. Von dem Besitzer bekamen wir später einen Flyer mit Kontaktdaten in die Finger gedrückt, damit wir die positiven Bewertungen in Sozialmedien nicht vergessen.

An einem weiteren, doch nicht so spektakulären Ort war die Qualität der Dienstleistungen mit

5 Sternen zu bewerten. Dem Inhaber war Social Media absolut nicht wichtig. Die Gästezufriedenheit schon.

So wirbeln sich die Gefühle und Einstellungen durcheinander. Klar ist aber, dass sich die Rumänen ihrer Sehenswürdigkeiten bewusst sind und die Stellen zur kostenpflichtigen Besichtigung anbieten. Es ist auch gut so. (Am Schluss liste ich gerne einige auf.)

Die wunderschönen Pässe mit vielen Heidelbeeren und Honigverkäufern am Strassenrand werden mit Vergnügen befahren, die Bären in den Wäldern von Transfãgãrãsan bespassen die Touristen. Die jungen pelzigen Wuscheldinger absolvieren die Grundschule des Bettelns mit Bravour. So schickt in der Kurve die Mama den Kleinsten, an den Hinterläufen laufenden, zum «Touriswagen» für einen Leckerbissen hin und es funktioniert!

Der Papa Bär schaut, auf die Leitplanke gestützt, gemütlich zu. Die Versuchung, ihn zu streicheln ist gross. Seine Tatze aber auch.


In Rumänien gibt es 6 000 gesichtete Bären. Wir haben nur 4 davon gesehen. In unzähliger Menge sind uns aber die streunenden Hunde begegnet. Auf einer Seite kann ich die Hundehalter in der Schweiz begreifen, die einen von den Organisationen «Geretteten» besitzen. Sie sehen so herzig und traurig aus. Auf der anderen Seite, bei dem Anblick eines starken Rudels in den Bergen, konnte ich mir nicht vorstellen, sie zu fangen und zu trennen. Der Gedanke tut weh. Sie waren kräftig und passten aufeinander auf. Grundsätzlich haben die Tiere hier eine andere Funktion als in Westeuropa. Die Katzen, Hühner, Kaninchen etc. Sie werden auch so gehalten.

So sind die vielen Pferde mit den Leiterwagen nicht nur auf dem Feld zu sehen. Sie stehen geduldig auch auf der Ampelkreuzung in der Stadt, als Transportmittel genutzt. Dessen Wert sind sich die Besitzer bewusst, dementsprechend wird geschaut.

Apropos schauen. Zu eigenen Dingen schauen, aufpassen, um nicht bestohlen zu werden. Nach einem Tag des Ausflugs war die Wäsche, Kühlbox, Tisch und Stühle am gleichen Ort geblieben. Unberührt. Wir schliessen den Hâusi in der Nacht nur ausnahmsweise ab. Dazu ist wichtig zu ergänzen, dass wir grundsätzlich die grossen Städte ausgelassen haben. Da geht es vermutlich zu und her wie überall.

So haben wir die Natur und ihre Schätze erkundigen können. Beispielsweise die Schlammvulkane in Berca, die aus 3 000 Meter Tiefe den kalten Schlamm rausblubbern. Die umliegenden Hügel sind mit vielen «Sanddornpärchen» (es wächst immer ein männliches Exemplar neben dem die Früchte tragenden «Weibchen») übersät. Hohen Respekt für die Kinder, die diese kleinen, vitaminreichen Kügelchen am Strassenrand verkaufen. Die Dinger kriegst du ohne Kratzer nicht von den Ästen ab!

Was auch sprichwörtlich wie Pech und Schwefel hält, ist der Schlamm in den Seen

Sovatas. Der grösste See hat den Salzgehalt von 250 g/l und sein spezieller Effekt ist, dass das warme Wasser 50 – 60 °C unten in der Tiefe ist und an der Oberfläche kannst du bei 20 °C schön schwimmen. Einfach nicht tauchen! Dieses Phänomen heisst Heliothermie und lässt sich bestimmt googlen. Wir haben den kleinsten See gewählt, mit asphaltschwarzem, kalten Schlamm. Lustige dreckige Gestalten sitzen herum, um später in das Wasser springen zu können und wieder sauber zu werden. Zum Unterschied zu den Vulkanen ist dieser Schlamm heilend. Auch wir haben unsere «Auvajas» beschmiert und sogar im Tupperware mitgenommen. (Ich glaube, dass es nicht nötig ist zu beschreiben, wie der Hâusi innen ausgesehen hat).

Auch eine Wanderung haben wir gewagt. Da in Rumänien die Wanderouten nicht so präzise markiert werden, kletterten wir über Stock und Stein auf den Berg über uns, um DIE Fotos zu schiessen. Als Belohnung sind wir einer seltenen Art der Grillen begegnet. Mit allerletztem Lichtstrahl sind wir beim Hâusi angekommen und von den Mücken herzlich begrüsst worden. Noch nie habe ich so viel Antibrumm benutzt. Nicht mal im Donaudelta. Den Verbrauch von Sonnenschutz habe ich auch unterschätzt. Bis auf ein paar nasse Tage haben wir uns bei 30 – 37 °C. gebrutzelt.

So war es absolut nicht lustig, dass an einem Tag Ventilation und Klima im Hâusi ausgestiegen sind. Was für ein Zufall, gerade waren wir auf dem Weg in eine Citroen Garage, um abzuklären, ob die Metallgeräusche von den Rollen des Zahnriemes kommen und was damit anzustellen sei. Nach der dritten erfolgreichen Garage bläst der Hâusi wieder aus allen Löchern, das Pfeifen vorne rechts macht mich zwar wahnsinnig, aber scheinbar ist es nichts Schlimmes.

Bei weiterem Drängen an meine bessere Hälfte bekam ich die Antwort: «Keine Sorge, ich habe gestern einen kennengelernt, der kennt einen welcher kommen könnte, um uns abzuschleppen.» Aha. Na da bin ich ja beruhigt. In Transsylvanien, in der Nacht. Die Bären und wer weiss noch was. Dazu ohne einer Knoblauch-Ausrüstung! (Nach der Empfehlung eines Freundes haben wir die Dracula-Burg nicht besucht, die zwar gut animiert und für die Touristen ausgerichtet sein mag, aber ja, wir haben ja eigene Dramen, die an den Nerven zerren.)

Das Gezwitscher im Motor hört nicht auf und nach dem Herumkurven in den Karpaten wagen wir die Fahrt in eine grössere Stadt. Hâusi wurde gecheckt, Wichtiges angeschaut, aber nichts repariert, da die Mehrheit der Mechaniker Ferien hatte. Mit einer deutlichen Anweisung, den Motor nicht zu strapazieren, fuhren wir zum Schwarzen Meer. Der Erfahrene ahnt schon und weiss, dass ein 3.5 Tonnen schwerer Hâusi nicht, aber wirklich nicht mit Sanddünen kompatibel ist. Wir wussten es auch, aber ja. (Gerolds Seitenwagenkollegen könnten da im Chor einige Lieder singen 😉.)

Probieren über studieren. Über die Höhe unseres Studiengrades und der Intelligenz hätten wir den Herrn, welcher uns später rausgezogen hat, vermutlich nicht überzeugt. Aber er hat es für uns getan.

Was uns dagegen überzeugt hat war, dass wir nicht als erste so «gestrandet» sind. Viele Tafeln mit Telefonnummern der in der Umgebung erreichbaren Traktoristen hingen überall. Somit wieder ein Beweis, dass Rumäniens Leute das Herz am richtigen Fleck haben. Hilfsbereit und offen sind. Dass sie ihre kulinarischen Künste gerne teilen, wie ihre Lebensgeschichten und die Plätze zum Übernachten. Diebe sind uns nicht begegnet und Betrüger auch nicht.

Dafür eine sensationelle, wilde Natur, Leute, Essen, Meer, viele Sehenswürdigkeiten. Wenn wir es uns nicht erlaubt hätten, auf dem Weg nach Georgien dieses Land durchzukreuzen, hätten wir viel verpasst.

Einer der lieben Mechaniker hat uns diese Geschichte erzählt:

Als Gott die Länder verteilt hat, haben die Rumänen viel zu viel bekommen. Verständlicherweise haben die anderen reklamiert «Wieso, warum?» Und Gott hat geantwortet: «Habt keine Sorge, die Rumänen erledigen sich selbst».

Eine harte Geschichte, die zum Nachdenken stimmt. Damit retour zu den Vorurteilen.

Ja, es gibt Zigeuner hier, aber sie leben für sich. Wie sich die Dörfer finanzieren, möchten wir nicht wissen. Dreckige Orte und viel Abfall gibt es auch. Aber das gibt es nicht nur hier.

Das Land hat immer noch mit der Umwandlung von Kommunismus zu Demokratie zu kämpfen.

Es fehlt an Vielem, aber Vieles ist auch getan.

Wer wirft den ersten Stein? Eine Menge der Auslandsfirmen hat gerade hier ihren neuen Standort gewählt. Die Holztransporter, die uns begegnet sind, habe ich aufgehört zu zählen.

Wohin geht dieses Holz? Dorthin, wohin die am Strassenrand wartende Frauen mit dem kleinen Bus gefahren werden? Bestimmt nicht in die Ferien.

Wer weiss, aus welchem Grund, wer hat was davon, um welchen Preis?

Schluss jetzt. Es steht mir nicht zu, es zu beurteilen, sprich verurteilen.

Ich habe heute genug geschrieben. Danke für die Aufmerksamkeit, wenn du bis hierher gelesen hast.

Falls sich jemand fragt, was mit dem Hâusi passiert ist? Währenddem wir

uns in der Weite des Donaudeltas mit Pelikanen und wilden Pferden vergnügt haben,

(über diesen Teil schreibt Gerold in seinem Beitrag) wurde im Motorraum fleissig gearbeitet.

So sind wir wieder mit ruhig brummendem Hâusi unterwegs.


Ps. Für die Facebook Follower:

Wenn du im Donaudelta bei Sonnenaufgang den Frosch weckst, kommt er mit dir später den Sonnenuntergang anschauen!


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