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  • Gerold Schlegel

Meins – Gerold


Erste Erfahrungen und Eindrücke

Mit über 15 Monaten Verzug geht es los. Corona hat unsere Pläne für Georgien unseren zweiten Wohnsitz verzögert.

Der Endspurt wird zur Nachtarbeit und es gibt noch mehr Erlebnisse mit der Familie und Freunden. Die Nerven liegen am Vorabend blank. Die Schwierigkeit des persönlichen „Aufgewühlt seins“ kann durch Arbeit versteckt werden. Doch irgendwann ist das vorbei. Das sind die Momente, in denen die Gefühle herausbrechen. Wir sind dünnhäutig. Dazu kommt meine Spezialität, Pendenzen bis auf den letzten Drücker zu verschieben. Nur dieses Mal geht es in die Hosen. Die Steuerbehörden haben sich den perfekten Moment ausgesucht, um die Steuerbescheide über mehrere Jahre für Privat und Geschäft einen Tag vor der Abreise zuzustellen. Das war nicht auf dem Radar. Die Nachtarbeit wird zum Mammutprogramm bis 3.00 Uhr morgens und um 5.00 Uhr ist bereits wieder Antritt. Das habe ich davon. Egal, so habe ich eventuell noch einen stillen Moment, mich auf meine Art von diesem magischen Ort zu verabschieden. Was mir mehr als einmal die Tränen hochdrückt.

Abschied – wie ich es hasse. Und deshalb mehr vom Neuanfang spreche und ignoriere, dass ein Abschluss nötig ist, um das Neue zu beginnen. Erstaunlich, wie ich mir etwas vorflunkere und schön gestalte. Emotional bin ich geladen wie selten, stehe nahe am bzw. bereits im Wasser. Ich fühle mich wie in einer eigenen Welt und versuche zu funktionieren. Das kann ich gut, meine Gefühle mit Arbeit „medizinisch“ behandeln. Ich erinnere mich an ein Telefongespräch mit meiner Mutter, als ich knapp 22 Jahre alt war: „Ich bin für mein eigenes Glück verantwortlich und lebe mein eigenes Leben. Das muss mir gefallen und nicht dir.“ Diese Haltung hilft mir im Umgang mit meiner Tochter Cynthia und den Kindern von Regina, mit Tezi, Mathias und dem Grosskind Elli. Aufwühlen tut mich das Ganze so oder so. Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal derart von meinen Gefühlen überrannt wurde.

Bis Wien hatten wir einige Stationen anzulaufen. In Tschechien etwa die Familie von Regina mit einem überraschenden Nebeneffekt. Die Kreditkarte, die Tezi per Post an die Heimadresse von Reginas Mutter schickte, hatte Verzug. Wir waren bereits in Wien als sie eintraf. So bekam ich meinen persönlichen Postboten. Vera, die Mutter von Regina machte einen Tagesausflug an die Grenze und brachte das Kuvert mit der Kreditkarte. Wir ersparten uns so etwa 400 km Fahrstrecke und bekamen die „Ramona“-Tasse zurück, die wir absichtlich bei Vera zu Hause vergessen hatten. Wieso wir sie vergessen haben ist einfach: sie ist gross, sperrig und hatte kein Platz gefunden im „Hâusi“. Jetzt ist sie so oft im Einsatz, dass sie keinen Platz braucht.

Erstmals seit November 2019 war ich wieder in Wien als Teilnehmer des Studium Generale am Scholarium. Die Zoom-Seminare sind anstrengend und sie ersetzen nicht den persönlichen Kontakt. Das persische Abendessen zum Abschluss rundete den Tag ab. Am Donnerstagabend gab es noch eine Einladung zum Grillen bei Lukas. Da staunte ich Bauklötze. Wir hatten vorgegartes Fleisch! Eine Firma in Österreich bietet für die Sterneküche oder anspruchsvolle Hobbyköche Fleischprodukte der galaktischen Art an. Das Fleisch wird in 19 Arbeitsschritten während 192 Stunden vorbereitet und vorgegart. Das fast fertige hohe Rindsrippenstück kam noch für 40 Minuten bei 180 Grad in den Ofen. Unvergleichlich im Geschmack! Irgendwie erschreckend, dass die Technologie in der Küche derartige Entwicklungen macht. Lukas ist als Störkoch tätig, nachdem ihn die Coronakrise zwang, sein Lokal „Muscheln & Mehr“ zu schliessen. Wir kamen in den Genuss seiner Künste. Ob das eine Alternative wäre für seine künftige Tätigkeit? Unbedingt! Mich erschreckt nur, dass ich im Sternelokal so viel Geld ausgebe und doch damit rechnen muss, dass das Fleisch gar nicht selbst gegart wurde.

Nach Wien sind wir in Ungarn unterwegs, inzwischen seit 14 Tagen. Der Zustand „Reisemodus“ ist noch nicht erreicht. Der Alltag lässt sich nicht so leicht abhängen. So wie Kinder ihre Tagesstruktur brauchen, ist es mit uns Erwachsenen. Alltag ist nicht Reisealltag. Reisen kann schwierig werden. Doch es ist schwierig, weil wir es schwierig machen. Was wenig Thema ist oder oft unbeachtet bleibt, ist die Umstellung vom Modus „Alltag“ auf den Modus „Reisen“. Bisher waren Verpflichtungen und Vereinbarungen im Vordergrund. Vom Leisten zum Tun und Lassen was nötig ist oder sich auf Begegnungen und Überraschungen einlassen. Sich Zeit nehmen.

Die Agenda gibt heute – verglichen mit früher – viel weniger vor. Früher wusste ich bereits 2-3 Jahre im Voraus, was ich an welchem Tag oder in welcher Woche zu tun hatte. Das hat Cynthia oder Regina oft ungläubig staunen lassen. Jetzt ist alles anders.

Weder Regina noch ich sind im Reisemodus angekommen. Wir zanken viel mehr wie ein altes Ehepaar. Das erinnert mich an trotzige Kinder. Der Kopf ist einfach nicht frei und vieles ist für uns neu. Denn wenn du alles dabeihast – im Camper produzierst du wiederkehrend innert kürzester Zeit ein Schlachtfeld. Dass sich da Widerstand regt bei einer ordnungsliebenden Frau, die mit unglaublichen Fähigkeiten für das Schöne gesegnet ist, ist völlig normal. Trotzdem machten mir die Kommentare zu meinem Ordnungssinn, Fahrstil und Defiziten zu schaffen. Egal ob ich Wäsche aufhänge, Geschirr lufttrocknen will, Löchern ausweiche und neben den Lastwagenspuren fahre: die Kommentare kommen für meine Ohren ungewohnt scharf. Und genauso verhalte ich mich – reagiere wie ein Stinkstiefel. Das kann Regina nicht überhören oder mit einem Lachen entschärfen.

Für Witze fehlen mir Worte. Ich fühle mich meistens angegriffen. Ein Thema aus meiner Jugend, das mir des Öfteren in die Quere kommt: nicht genügen. Doch es bessert sich von Tag zu Tag. Das Reisegefühl stellt sich langsam ein. Die Rückmeldung von Regina, wie sie es schätzt, wie ich mit den Mäusen umgehe, sie aufmerksam mache auf mögliche Standorte für Fotos oder sie vor dem Ausbleichen schütze, ist Balsam. Daran erkenne ich: wir kommen langsam in den Reisemodus. Es ist alles neu, was wir machen. Bisher war die Sprache keine Schwierigkeit. Seit wir in Ungarn sind, ist es das erste Mal, dass wir der Sprache nicht mächtig sind. In Tschechien und der Slowakei konnte Regina ja ihre Muttersprache benutzen.

Heute haben wir das erste Mal festgestellt, dass wir unser Lachen wiedergefunden haben und das häufig pflegen. So meistern wir eine Schwierigkeit nach der anderen und räumen Hindernisse aus dem Weg. Wir finden neue Möglichkeiten, miteinander umzugehen. Das macht viel Freude.


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