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  • Gerold Schlegel

Containerreise zu Pandemiezeiten

Das ist wie Babylon, gepaart mit bester Satire. Und das Ganze ergänzt um Beamten- und Behördenwillkür. Eins zu Eins erlebbar. Für Betroffene ist es eine nicht enden wollende Episode. Persönlich eine Belastungsprobe für Gefühle und emotionales Auf und Ab. Cholersischen Anfälle sind jetzt nutzlos, d.h. benimm dich Gerold. Doch eines nach dem anderen. Es beginnt am 2. Dezember 2021 in Rubigen, beim ersten – wirklichen – Anlauf zum Verladen.



Ein LKW kommt pünktlich wie ein Uhrwerk am Vorabend in Rubigen an. Der zweite LKW ist irgendwo zwischen Italien und der Schweiz auf Irrfahrt. Er hat eine Leerfuhre, der Fahrer gilt daher in Italien als Tourist. Ab Como sind es 470 km bis nach Rubigen. Wie geht das? Super einfach. Zoll oder Polizei schickt den aus Weissrussland stammenden Fahrer – den armen Kerl – von einem Ort zum nächsten und verhindert die Einreise. So lernt er auf dem Weg in die Schweiz viele Ecken in der Region kennen. Der Fahrer eines leeren LKW ist ein Tourist, basta. Keine Chance, pünktlich in Rubigen zu sein. Da helfen kein Google und keine Ortskenntnisse, höchstens weissrussisches Schlawinertum, kombiniert mit einem fremden polnischen LKW-Fahrer. Beide sind auf dem Weg in die Schweiz. Kaum vorstellbar, was für ein Wahnsinn das ist, alles wegen eines leeren LKW und der Einreise aus einem EU-Land in die Schweiz.



Tezi, die Tochter von Regina, hat in Rubigen alles sensationell vorbereitet. Platz freihalten für den Autokran und Sicherung der Ladung, Papierkrieg. Das Hin und Her mit der Disponentin und dem georgischen Zollabwickler macht alles nicht einfacher. Am Ende finden wir eine vermeintlich pragmatische Lösung: die Güter werden auf den Namen von Regina importiert. Doch auch das löst eine ganze Lawine von Papieren und Vollmachten für die Fahrzeuge aus. Die Ausweise sind alle annulliert. Regina hingegen ist nicht als letzte Besitzerin im annullierten Ausweis erkennbar. Unvorstellbar, was für ein Zirkus ausgelöst wird. Vollmachten, notarielle Beglaubigungen und das Grösste: sie wollen alle Details zum Einachser-Traktor «Rapid Spezial Jahrgang 1959». Kaum vorstellbar, wie nützlich dieses Teil in Georgien sein wird. Baumaterial, Brennholz, Kies und anderes besorgen, Kehricht entsorgen sind einige Möglichkeiten, die ich für ihn schon erkenne, obwohl er noch schön verpackt im Container auf seine Einsätze wartet.



Tezi hat die Ruhe weg und löst einen gordischen Knoten nach dem anderen. Sogar mit dem mobilen Kran kann eine Lösung gefunden werden, die kostenneutral ist. Denn durch die Irrfahrt in Italien sind nun zwei Tage nötig, um den Verlad zu ermöglichen. Der Kran wird mit Anfahrt, Arbeitseinsatz und beteiligter Mannschaft verrechnet. Ein kleines Wunder, das ich mit Regina aus der Ferne verfolgen konnte. Am 3. Dezember wird der Nachzügler-LKW – Container Nr. 1 – mit dem empfindlichen Hausrat auf die Reise geschickt. Da sind Stereoanlage, Bilder inkl. Kunst, Möbel, Kleider, Lampen, Büro, Bänke, Betten und so weiter drin. Im vorausfahrenden Container Nr. 2 ist eher Wetterbeständiges, Maschinen, Fahrzeuge und Werkzeuge verladen. Gartenmöbel, Fräsen, Standbohrer, Werkzeug, Velos, Seitenwagen, Anhänger, Polyester-Elefanten, Betonrosen und anderes. Die Strecke führt über Deutschland, Polen, Weissrussland, Ukraine und Russland nach Georgien und dort direkt nach Tiflis, wo die Frachtpapiere und der Zoll erledigt werden.



Jeden Mittag werden wir per E-Mail mit den aktuellen Koordinaten der LKW versorgt. Unser Staunen ist gross darüber, in welchem Tempo sie bis an die Grenze Polen-Ukraine vorwärtskommen. Doch danach kommt’s ins Stocken. Ein LKW wird zweimal heraus gewunken und geöffnet. Grenzwächter können es kaum fassen: «Wie bitte, dieser Container gehört Schweizern und der Inhalt soll nach Georgien? Zeigen!». Die Kosten dieser Übung werden zusätzlich verrechnet, ebenso wie Wartezeiten bei den Grenzübertritten. Wir haben vier Tage Reserve im Preis der Transportpauschale integriert, doch am Ende sind weitere drei Tage angefallen. Zuviel Schwerverkehr (Ukraine, Russland, Georgien), geschlossene Grenzen, Wintereinbruch und Zollabwicklung fordern ihre Zeit.



Wir fahren in der Zwischenzeit nach Tiflis, um den administrativen Wahnsinn einfacher abzuwickeln. Die geniale Dokumentation von Regina erleichtert vieles. Zu allem gibt es Bilder, Schätzpreis, Gewicht, Ort der Lagerung. Die Container sind in Sektoren eingeteilt. So ist die Auffindbarkeit einfach und die Gewichtsverteilung eher machbar. Je besser die Gewichtsverteilung, umso einfacher das Auf- und Abladen. Wir wissen noch nicht, dass wir zwei Tage nur mit den Containern beschäftigt sein werden.



Uns verblüfft die Frage des von uns beauftragten Zollabfertigers: «Was haben Sie da für eine Pumpe dabei?» Regina und ich schauen uns sprachlos an. Kein blassen Schimmer. Plötzlich muss ich schallend lachen: «Meinen Sie die zwei Fahrradpumpen?» So geht es weiter, Punkt für Punkt. Der Bobbycar und das Kindervelo sind neue Plastikspielsachen. Die Holzbalken werden zum Gartenzaun gemacht. So kann eine Sache nach der anderen zollfreundlich eingeordnet und die Besteuerung erheblich reduziert werden. Weder Regina noch ich sind Georgier oder verfügen über eine Investoren-Niederlassung. Deshalb muss alles als Importware deklariert werden, anstatt als Umzugsgut, welches kostenlos wäre. Die zu bezahlende Steuer können wir innert drei Jahren zurückfordern, wenn wir einen Nachweis über den georgischen Wohnsitz erbracht haben. Wir können uns ohne Niederlassung zwölf Monate in Georgien aufhalten. Mit dem Grundstück und unserem Projekt können wir den Nachweis innert zwei Jahren erbringen. Wir tragen das Risiko, sind Kreditgeber und Garant für den Staat. Also nichts Neues. Das nimmt in der Schweiz – im übertragenen Sinne – ähnliche Ausmasse an.



Nach der Ankunft des ersten LKW in Tiflis wird es hektisch. Immer mehr Anrufe, Fragen und Aufträge von der Disponentin und dem Zollabwickler an uns. Als ob wir nicht schon genug zu tun hätten. Das Gesetz für den Import von Traktoren wurde zum 1. Dezember 2021 geändert. Sie sind neu mehrwertsteuerpflichtig. Um nicht nach Tiflis fahren zu müssen, nennt uns der Zollabwickler ein Strassenverkehrsamt in unserer Nähe: Samtredia. Doch wir finden das Amt trotz genauer Adresse erst nach 30 Minuten. Kein Wunder, die Gebäudenummern wechseln nach einem undurchsichtigen System. Nach der Nr. 27 kommt die Nr. 18 und die Menschen auf der Strasse haben alle eine Antwort bereit. Klar. Doch keiner weiss wirklich, wo sich das Amt befindet. Also Rückruf an den Zollabwickler und ihn direkt mit dem Menschen auf der Strasse verbinden. Sie sollen sich auf Georgisch austauschen. Erst die dritte so getätigte Verbindung trug Früchte. Was hat es gebracht? Die allgemeine Richtung ist korrekt, doch 500 Meter weiter als übermittelt. Unbedingt merken: sich in Georgien auf Navigationsgeräte zu verlassen, endet meistens mit einem Reinfall. Die persönliche Orientierung mit Unterstützung durch eine Strassenkarte ist bedeutend hilfreicher.



Auf dem Amt schnallen wir endlich, worum es geht. Der «Rapid» und der Brügiwagen erhalten je eine eigene Strassenzulassung. Dazu kommt, dass die Beamtin plötzlich begreift, dass wir aus der Schweiz kommen. Was dann passiert, ist eine sich wiederholende Sequenz wie aus «Und täglich grüsst das Murmeltier». Eine nette Variante dieser Sequenz ist ungläubiges Staunen. Doch hier wird es persönlich. Sie beugt sich zu der Beamtin nebenan und beide kugeln sich vor Lachen. Dann die eine der beiden auf Russisch: «Aus der herrlichen Schweiz nach Georgien auswandern? Sie sind verrückt!» Es dauert einen Moment, bis beide realisieren, dass wir es ernst meinen. Wieso sonst brauche ich einen Traktor in Georgien?



Ähnliche Erlebnisse passieren uns auch beim Einkauf auf dem Markt. Da werden wir regelmässig gefragt, woher wir kommen. Wir sagen dann: von Marani. Das nehmen sie uns selbstverständlich nicht ab und bohren nach. Wenn der Name «Schweiz» oder «Tschechien» fällt, ist das Unverständnis in den Gesichtern festgemeisselt. Für uns ist Georgien das Schlaraffenland, in dem wir nach unseren Vorstellungen nachhaltig und mit natürlichen Baumaterialien bauen können. Wenn dazu Abfälle wie Plastik, Aludosen, Flaschen, alte Reifen usw. integriert werden, macht uns das glücklich. Das ist unser Beitrag zur Reduktion von Abfall und für das Klima. Wie in Afrika und Asien werden hier die Abfälle im Garten verbrannt. Das müsste nicht sein. Dass die Bauvorschriften – gelinde gesagt – sehr rudimentär festgelegt sind, kommt uns entgegen: «ab der Grenze bebaubar». Einzige Auflage: es gibt nur Parterre, erster Stock und Dach. Selbstverständlich dürfen die Räume über drei Meter hoch sein. Das alles tun zu können, ohne einen Kredit der Bank aufzunehmen, macht uns unabhängig und befreit. Es wird auf unserem Grundstück ein Leben wie in einer riesigen Werkstatt, in der wir Dinge ausprobieren und selbst machen.



Wiederkehrende Themen tauchen auch auf, wenn ich auf der Jagd bin, das heisst auf Entdeckungsreise für Lebensmittel und Raritäten. Alte Sorten sind hier keine Raritäten, sondern eher der Normalfall. Meine Exkursionen fördern Aromen zu Tage, die für uns Schweizer kaum vorstellbar sind. Hier in Georgien ist eine Geschmacksexplosion der Normalfall und Ausnahmen sind das gezuckerte und gesäuerte Fast- oder Industriefood. Hinzu kommen viele althergebrachte Zubereitungsarten, die in der Schweiz längst verlorengegangen sind. Die archaischen Kochgeräte machen bei mir ebenso Eindruck und es gilt, sie zu integrieren. Je besser das Essen, umso grösser die Chance, gesund alt zu werden. Georgier sind zu über 80 % Selbstversorger. Alles wird untereinander getauscht und nur selten wechselt auf dem Land Bargeld die Hand. Der eine hat Trauben, der andere Kaki, der nächste Kartoffeln, Käse oder Joghurt und so weiter. Die Tauschgeschäfte erinnern mich an meine Kindheit im Alter von etwa 5 bis 13 Jahren. Zu dieser Zeit verbrachte ich im Sommer viel Zeit auf der Alp und den Rest des Jahres möglichst viele freie Minuten auf dem Bauernhof meiner Patentante. Ein fast grenzenloser Abenteuerspielplatz.



Am Morgen vor dem Ankunftstag unserer beiden Container in Marani kommt wieder eine unerwartete Aufgabe. Ich erhalte fünf Rechnungen, die sofort zu begleichen sind. Für was habe ich bei der TBC Bank in Georgien ein Konto? Also los und mit der Bankapplikation die Zahlungen via Handy erfassen. Meine Verblüffung und folgend mein Frust sind gross: «Sie sind nicht berechtigt, diese Zahlung auszulösen.» Hektik! Wie? Was jetzt? Ohne Knete keine Container! Also die Bankberaterin anrufen, meine Schwierigkeit geschildert und sofort einen Termin am nächsten Morgen erhalten. Die Bank öffnet um 10 Uhr. Wie in vielen Betrieben in Georgien geht vor 10 nur wenig. Die Dame erfasst eine Zahlung nach der anderen und druckt jede Zahlung aus. Auf einem A4-Papier sind zwei Kopien der Rechnung. Lineal her und die Hälfte abgerissen. Ein Doppel an mich und das andere in den Kübel. Wie bitte? So geht das mit jeder Rechnung. Ich fotografiere die Belege und übermittle diese unserem Menschen für die Zollabwicklung. Der wiederum geht zum Zoll und zeigt die Fotos. Diese sind der «Freifahrtschein» für die beiden LKW. Am Freitag um 13:45 Uhr starten sie in Tiflis. Übrigens: die Mehrkosten des Transportes waren am Vorabend noch an die Spedition zu begleichen, was ich via CH-Postkonto erledigte.



Der ganze 17. Dezember war mit Hektik gefüllt. Der Start mit der Bank, weiter zum Kranfahrer, dem Holzlieferanten und dem Kiesgrubenbesitzer. Es soll ab Mittag in den nächsten Tagen sintflutartig regnen. Alles, was vorbereitet worden ist, wird nicht mehr funktionieren. 14 Tage bestes Wetter mit viel Sonnenschein und Temperaturen bis 28 Grad – Tempi passati. Wenn es regnet, wird innerhalb kürzester Zeit der Vorgarten in einen tiefen Morast verwandelt. Also muss noch viel mehr Kies her. Bei der Besichtigung durch den Kranführer stellte sich am Vortag heraus, dass wir zwei Bäume fällen, vier Bäume umpflanzen und beim Nachbarn einen grossen Seitenast eines seiner Bäume abschneiden müssen. In Georgien laufen die Uhren anders. Der Kranführer meinte, mit seinen zwei «MAZ» könne er locker die zwei Container heben und es hat Platz genug für die LKW und seine beiden Kräne. Auch der Untergrund passt. Aber ein Regentag stellt alles auf den Kopf. Der Platz ist jetzt zu eng und der Mittelpfosten des Gartentores musste weichen. Der Kranführer musste das gleich bei seiner Ankunft als erstes selbst erledigen. Haken mit Stahlseil ansetzen und aus dem Fundament ziehen – fertig.



Das Vorgehen und Verhalten des Kranbesitzers zeigt die wahrgenommene Eigenverantwortung. Kein Schlagwort. Die eigene Einschätzung der Lage und das Abschätzen des Gewichts wird in keiner Anleitung abgelesen. Der Besitzer versteckt sich hinter keiner Norm oder Gesetz. Seine Erfahrung und sein Können zeigen die Grenzen auf. Er hat keine Menschen gefährdet. Im Gegenteil es war Ehrensache den Kran selbst zu bedienen. Während dem gesamten Prozess hat er immer wieder Anweisungen gegeben und korrigiert. Die Aufmerksamkeit war wie selbstverständlich. Je weniger ich reinrede umso mehr kann ich von diesen Kompetenzen profitieren, sofern ich die Gnade habe die Menschen machen zu lassen. Das ist ein Aspekt der mir in Georgien verständlich und wichtig wird. Klar, Schweizer Standards sind hier nicht gefragt. Viel mehr die Lösung. Das sollte ein Grundprinzip sein, doch in der Schweiz begegnete mir viel mehr die Problemschilderung und Schwierigkeiten. Die Wege der Lösung sind öfters nicht auf Anhieb erkennbar und doch äusserst Wirksam.


Doch zurück zur Anreise der beiden LKW. Sie hatten die Telefonnummer von Regina dabei. Die Disponentin meinte, die LKW seien innert drei Stunden in Marani und wir sollen dafür sorgen, dass die heute noch entladen werden könnten. Meine Gefühlsdrehzahl startete durch. Kein Wunder, die Dame hatte mich mehr als einmal zur Weissglut getrieben. Am Vortag der Ankunft der LKW in Marani waren es schlappe zwölf Emails, die hin und her wechselten. Wir werden gar nichts machen und haben das Entladen auf den 18. Dezember gelegt. Bevor die LKW nicht vor Ort sind, organisiere ich gar nichts mehr und die Entladung im Dunkeln können sie sowieso vergessen. Es sei wenig realistisch, mit den beiden LKW innerhalb von drei Stunden von Tiflis nach Marani zu kommen. Fünf bis sechs Stunden würden es eher sein. Das waren in etwa die Wortfetzen dieses Telefongespräches. Pünktlich um kurz vor sieben abends dann ein Anruf: sie seien in Bashi/Kutaissi von der Autobahn gefahren. Regina und ich schauen uns in die Augen: die Container sind da! Die Augen leuchteten und wir beide wurden hellwach.



Der Adrenalinschub verführte mich, auf der Autobahn erstmals über 120 km/h zu fahren. Erst kurz vor der Autobahnausfahrt Bashi/Kutaissi Airport beruhigte ich mich – vermeintlich. Dass dem nicht so war, wurde nach der Begrüssung der beiden LKW-Fahrer offensichtlich. Ich wusste nicht einmal, wo ich zu Hause war, sprich, ich fuhr in die falsche Richtung los, die LKWs im Schlepptau. Mit georgischen Fahrkünsten konnte ich das gerade noch korrigieren.

In Marani hielt ich bei unserem Holzlieferanten, wo die beiden LKW einträchtig nebeneinander parkiert wurden. Dank den Künsten der beiden Fahrer war das möglich und das gab mir die Zuversicht, dass der Platz morgen ausreichend gross genug sein würde. Als wir die Fahrer zum Abendessen einladen wollten, winkten sie dankbar ab. Sie würden bei den LKW übernachten, diese seien ihr zu Hause. Und sie wollten die LKW nicht allein lassen: Das wäre doch verrückt, wenn ihnen die Ware vor der Haustüre abhandenkäme. Wir vereinbarten, dass ich sie am Morgen um 8:00 Uhr abholen würde und zeige ihnen mögliche Routen. Sie könnten dann selbst entscheiden, wie sie die Anfahrt meistern wollen.



Für uns war an Schlaf nicht zu denken. Die Aufregung, besser das Chaos im Inneren, das Berührtsein, Glückseligkeit, Gefühlschaos, das Ganze als Traum abzutun, die Tränen der Freude – all das hinderte uns daran, zur Ruhe zu kommen. Dazu noch kurz vor Vollmond! Herzlich willkommen im schlaflosen Paradies von Marani. Diese Gefühle konnten auf keine vernünftige Art und Weise geordnet oder abgestellt werden. Telefonate mit den verschiedenen Familienmitgliedern wechselten sich ab. Das führte zur Verstärkung des Tohuwabohu – irgendwann um 4:00 Uhr morgens gelang mir dann ein Foto der Superlative mit Mond und Hâusi, welches mir doch noch einen kurzen Schlaf ermöglichte. Wenn ich gewusst hätte, was am Entladetag alles auf mich zu kommt, hätte ich keine Minute ein Auge zugetan.



Der Tag begann mit dem Abholen der Chauffeure, ging weiter mit Geldbezug am Bancomaten, um den Kranführer zu bezahlen. Ich wollte genug Bares vor Ort haben, um Abweichungen lösen zu können. Hinzu kamen noch ein paar Dinge, die eingekauft werden mussten. Die beiden Kräne haben für vier Stunden Einsatz mit vier Personen weniger als 200 Franken gekostet – unfassbar.



Als ich zurückkam, waren die zwei Kräne vor Ort und warteten darauf, aufgestellt zu werden. Der Mittelpfosten des Gartentores musste zuerst noch weg. Wo legen wir das hin? Und schon ist ein Zweig meines neu gepflanzten Baumes weg. Sorge und Frust darüber, wie achtlos sie mit dem «grünen» Umfeld umgingen, steigerten sich blitzartig. Der Schweizer Modus von Kritik, Besserwisserei und Angsthase war ultraschnell einsatzbereit. Alles ohne Vorwarnung oder Anlaufzeit. Meine sprachliche Hilflosigkeit steigerte den Zustand. Dazu kam, dass ich mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen musste, dass meine Balken und Bretter, die ich für das Fundament der Container besorgt hatte, immer weniger wurden. Die Kranführer benutzten sie, um ihre Stützen zu unterlegen. Die Einfahrt hatte mit dem fehlenden Mittelpfosten des Gartentores ein Loch von einem Meter Tiefe und etwa sechzig Zentimeter Durchmesser. Karette daher – Davai! Im Russischen bedeutet es viel: gib her, schnell, mach, vorwärts. Wieder einmal etwas Kies schaufeln.



Gleichzeitig haben die beiden Kräne den Kies an den Rändern rausgedrückt. Wie sollen die LKW so reinkommen? Fragen über Fragen. Gottseidank verfolgte der Besitzer des Kieswerkes das Ganze und bestellte den Bulldozer auf den Platz, mit einer Schaufel Kies (etwa 5 Kubikmeter). Regina verzog sich in die Küche. Sie wollte das alles nicht mitverfolgen. Zu gross ihre Angst, dass irgendwas schief geht. Meine Sprachkenntnisse von Russisch und Georgisch sind derart limitiert, dass mein Kopfkino Amok lief: Was jetzt? Die wollen die Container direkt auf den Kies stellen, ohne die Balken unterzulegen! Der Austausch brachte noch viel weniger Klarheit und bei mir verfestigte sich der Eindruck, dass hier etwas gehörig aus dem Ruder läuft. Meine Hilflosigkeit, mich auszudrücken und verständlich zu machen, steigerte sich. Nichts mit Fotografieren und dem Ganzen mit Abstand zu folgen. Ich sprang hin und her. Im Kopf und Herzen sprichwörtlich eine Achterbahn von Frust, Hitze, Kälte, Wut, Adrenalin. Der Blutdruck rauscht davon und der cholerische Anfall kann gerade noch gezügelt werden. Reginaaaaaa!!!



Ab in die Küche. Regina musste her mit ihrem Russisch. Die Erleichterung meinerseits konnte man bis nach Kutaissi spüren, als sich die Sache bei mir aufklärte. Sie wollten die Container zuerst vom LKW auf den Boden stellen. Eine Seite anheben und die Balken darunterlegen. Doch wie soll das gehen, wenn die Hälfte der Balken und Bretter fehlt. Ganz einfach: wir müssen die Kräne verschieben. So werden die Balken und Bretter frei. Zum Anheben benötigen sie weniger Stabilität.



Der erste Container war innerhalb kurzer Zeit ausgepackt und auf dem Boden. Das Herausfahren des LKW gestaltete sich schwierig, denn überall bildeten sich Wasserlachen vom vielen Regen. Mit viel Fingerspitzengefühl rollte er hinaus. Vor dem Gartentor war ein einziges Durcheinander von Fahrzeugen. Alle, die üblicherweise diesen Weg nach Hause nahmen, mussten wenden – kein Durchkommen.



Der zweite LKW wehrte sich hartnäckig. Er wollte nicht raus. Vom vielen Hin und Her gruben sich die Antriebsräder gemächlich in den Boden. Am Ende konnte der er nicht mehr selbst rausfahren. Ein weiteres Mal war der Bulldozer gefragt, mit noch mehr Kies. Man stelle sich das vor: In der Kiesgrube anrufen, Bulldozer bestellen mit Kies, dann etwa eine Stunde im Einsatz, Herausziehen des LKW, planieren etc. Während der ganzen Zeit konnte kein Fahrzeug in der Kiesgrube beladen werden und die Förderbänder standen still. Kundenservice wie ich mir das wünsche, mich zufriedenstellen und mein Problem lösen steht im Zentrum. Die sonst üblich ausgeübte Macht von Anbietern gegenüber ihren Kunden, in keinster Weise spürbar. Ich gehöre zu Marani und hier hilft jeder jedem nach seinen Möglichkeiten. Nachbarschaftshilfe hat Priorität und nicht kleinliche Rechtsstreitigkeiten. Der Kiesgruben Besitzer wollte kein Geld. Das ist ein Geschenk. Die Grosszügigkeit trieb mir Tränen der Rührung in die Augen. Hier ist die Dorfgemeinschaft wichtig und wird gelebt. Keine leeren Versprechungen. Das ist eine Episode die das georgische Lebensgefühl und Selbstverständlichkeit aufzeigt und mir derart gefällt.



Nach knapp fünf Stunden standen die zwei Container. Die Türen gingen auf, nichts verzogen und alles an dem Ort, an dem die Sachen in Rubigen festgemacht wurden. Wir lassen unsere Habe, solange es regnet, noch drin. Die Nässe würde zu viel Schaden anrichten, egal ob drinnen oder draussen. Einzig den Skoda nehmen wir am nächsten Tag raus. Etwa gegen 15 Uhr, als die Baustelle geräumt ist, sitzen wir alle einträchtig beim Essen. Ich haue rein wie schon lange nicht mehr. Es schmeckt mir unglaublich, obwohl Regina dauernd meint, das Essen sei ihr misslungen.



Wir sind erleichtert, unseren Besuch in der Schweiz abgesagt zu haben. Die Neuigkeiten, die wir mitbekommen, bestätigen uns unseren Entscheid. Wir schicken unsere besten Wünsche und Energie, um die Pandemie zu beenden oder wenigstens zu besänftigen. Was wir von den Ansteckungen und vielen Menschen im Spital hören, macht uns Angst. Hier in Marani sind wir besser aufgehoben und können uns einfacher schützen. Kaufhäuser und Läden meiden wir. Der Einkauf findet mehrheitlich draussen statt. Jeder Nachbar ist mindestens 100 Meter Luftlinie vom Haus entfernt. Wir treffen, seit wir hier in Marani sind, meistens die gleichen drei, vier Menschen. Uns fehlt es an nichts und wir sind mit viel Arbeit auf dem Grundstück beschäftigt. Oder wir finden ganz einfache Dinge wie etwa die Vertrauensgarage, den Ort, um die Pneus zu ersetzen/aufzupumpen, Geschäfte für den Bezug von Baumaterialien, zum Kopieren/Drucken, die Baumschule, das Geschäft für Holz (Balken, Dachlatten, Bretter…), die Milchversorgung vom Bauern oder ein Geschäft für neue Räder für den Sackkarren und vieles andere mehr.



Jürg aus der Schweiz ist eine Ausnahme. Er ist der einzige deutschsprechende Kontakt in Georgien. Im September war David aus Wien für vier Wochen in Georgien und wir reisten zusammen eine knappe Woche zusammen durch Georgien. Er verbringt den Winter mit seiner Lebenspartnerin Hannah in der Wärme in Brasilien. Obwohl Jürg schon geboostert ist, sitzt er seit knapp zwei Jahren in der Schweiz fest und kann nicht an seinen Wohnort auf den Philippinen reisen. Vor knapp sechs Wochen kam er nach Georgien und hat vier Wochen lang Tiflis erkundet. Wer die Vielfalt der Strassenmalerei («Graffiti») schätzt, sollte mal auf Twitter @juereVoBaern suchen. Dort ist eine unglaublich reiche Sammlung von Kunst zusammengekommen, die Lust macht, Tiflis zu besuchen. Vieles davon steht in keinem Reiseführer und ist allein eine Reise wert. Bei Reginas und meiner nächsten Stadtführung in Tiflis ist Jürg gesetzt. Mal schauen, was er in Kutaissi findet. Wir verbringen Neujahr gemeinsam und können an einer georgischen Familienweihnachtsfeier teilnehmen. Ein Kontakt, den Jürg über seinen Vermieter hergestellt hat. Auf diese Feier freuen wir uns besonders.



Mir selbst macht Twitter Momentan wenig Freude und bin daher eher still - @geroldschlegel. Das Thema Pandemie und der Umgang untereinander halten mich fern. Je länger Regian und ich in Georgien sind umso wichtiger sind uns die Inhalte eines glücklichen Lebens. Twitter, Facebook d,h, soziale Medien gehören da nicht dazu. Doch wie machen wir auf unser Projekt - meinesache.ch aufmerksam, wenn Dritte es wenig im Auge haben. Je mehr Menschen daon wissen umso mehr können wir nützlich sein.


Weihnachten haben wir in Georgien mit mehr Schnee verbracht, als ich mich je erinnern kann. Pünktlich zum 24. Dezember 2021 schneite es das erste Mal seit fünf Jahren. Tags darauf gab es nochmal kräftige 40 cm Neuschnee. Das Grundstück wurde in ein prachtvolles Weiss gepackt. Strom ade. Die Strasse ist blockiert und mit so viel Schnee kaum befahrbar. Wir haben in Marani viele Traktoren, hingegen kaum einen Schneepflug dazu. Also bleibt der Schnee, wo er ist. Das Tauen, Frieren und die Fahrspuren machen es nicht einfacher. Dazu kommt, dass hier die Mehrheit mit Sommerreifen fährt oder höchstens mit Allwetterreifen. Kein Problem. Da bleiben Mann und Frau halt zu Hause. Oder es wird gleich auf einen Vierbeinerkarren umgestiegen.



Bis jetzt warten unsere vielen Geschenke im Container noch auf das Auspacken. Vereinzelt haben wir ein paar Sachen rausgeholt. Der Fahrzeugpark wächst. Sei es der Zeus (Seitenwagen der Marke Side-Bike) mit dem dazu gehörenden Anhänger (Clevertrailer.ch), der Rapid-Traktor Jahrgang 1959, (Nicht zu verwechseln mit dem Fussballclub Rapid Wien) und «Hope», der Skoda Fabia.



Andere Wege zu gehen macht uns glücklich. Speziell, wenn die Mehrheit diese Wege meidet, weil sie unpopulär sind. Wir gehen andere Wege, auch beim Bebauen und Gestalten des Grundstückes. Das Verwenden von Naturmaterialien und Abfall (Reifen, Aludosen, Glasflaschen, zerbrochener Keramik etc.) ist ein wesentlicher Bestandteil. Wie wir die Fäkalien entsorgen, ist noch unklar. Unsere Favoriten sind Septiktank und Gülleloch zum Abpumpen. Zufahrt und Haus erhalten eine Drainage. Solarenergie wird ein weiteres Element sein. Regina hat dazu eine «sonnen»-glänzende Idee zur Umsetzung einer Anlage, um Lebensmittel aller Art zu trocknen. So einfach wie effizient und dazu preiswert. Die Aussenküche wird einige verblüffende alte Methoden ermöglichen. Ein Sammelsurium aus Armenien mit dem urtümlichen Tonir. Japan ist vertreten mit der Eigeninterpretation eines Tepaniaki. Georgien wird mit viel Eiche und Ton für die hauseigene Weinproduktion einen Platz haben. Die Schnapsbrennerei ist eine Mischung von Einflüssen verschiedener Kontinente. Tschechien glänzt mit einem traditionellen Räucherofen. Die Kanaken (Naturvolk Neukaledoniens – das Wort bedeutet übrigens «Mensch» und ist keinesfalls ein Schimpfwort.) erhalten einen Platz, um ganze Töpfe mit Fleischstücken zu vergraben. Das alles wird in die von Regina entwickelte «Glutautobahn» integriert, inklusive verdrehtem Pizzaofen.



Parallel entwickle ich meine Anlagestrategie für langfristige Anleger weiter. Die Schwerpunkte 2022 sind das Klima, die Elektrifizierung, das Energiedesaster (Strom), Krypto inkl. zugehöriger Aktien. Die Geldpolitik der Welt verzerrt die Preise und sabotiert bisherige erfolgreiche Methoden und Vorgehen. Wer andere Anlagewege gehen will, findet auf geroldschlegel.ch zwei Abonnemente, um diesen Ansatz selbst umsetzen zu können. Alles von dritter, unabhängiger Stelle gesichert. Die Abonnemente fassen die Resultate mit den wesentlichen Details zusammen. Das bietet keiner der Anbieter in der Finanzindustrie – ich zeige nachvollziehbar, wie ich mein persönliches Vermögen bewirtschafte.



Also, schaut regelmässig hier rein (www.meinesache.ch/blog) und erfreut euch an unseren Geschichten. Seien es solche über Widerstände, über Erfolge oder Rückschläge und über Schwierigkeiten, Abweichungen oder Situationskomik. Das Ganze wird mit viel Fantasie und persönlichen Eindrücken angereichert.


Für das kommende Jahr wünschen wir Euch allen den Mut, Neues zu wagen und auszuprobieren.



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