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  • Gerold Schlegel

"Chue im Zeus"


Mani Matter singt vur «Chue am Waldrand» …Doch d Wält isch so perfid das sie sich sälte oder nie nach Bilder wo mir vorhär gmacht hei richtet… …ein Potpourri der Ereignisse, Unternehmungen und Erlebnisse.



«Die Andere» (Strassenhund) setzt sich durch, beschäftigt uns und heisst jetzt Selapi, was auf Georgisch «Seehund» heisst. Das malochende «Trudy» wird vom schwitzenden Riesen bearbeitet, gefordert und gehätschelt. Res, ein Freund, macht mir viel Freude mit seiner Rückmeldung: Was habt ihr die vier Monate eigentlich hier gemacht? Über Stock und Stein, bis die Felge nur noch knapp brauchbar ist. Septiktank einbauen, und die Monteure erscheinen ohne Werkzeug und Hilfsmittel. Das erste Mal Beifahrer und Reiseleiter über 600 Kilometer – diese Erfahrung reicht ihm. Künftig nur noch mit Auto.



Cynthia kommt zu Besuch und nimmt eine wahre Odyssee in Kauf. Mit wenig Schlaf gleich auf eine grosse Tour. Der Begriff «Gastarbeiter» bekommt hier eine neue Bedeutung – Gast und Arbeiter. Marko, den holländischen Ural-Seitenwagenfahrer kennen wir nicht. Trotzdem steht er völlig überraschend bei uns vor dem Tor. Danke Toni und Monika für die Empfehlung! Für Marko war es eine kleine Auszeit. Er blieb länger als geplant. Werner fand den Weg mit seinem MZ-Gespann vom Zürcher Oberland zu uns, dank Res, und half bei der Festvorbereitung. Er versuchte, nach dem Besuch bei uns über die hohen Pässe Georgiens zu gelangen und drehte kurz vor der Passhöhe um – Wetterumbruch.



Zu meinem 60. Wiegenfest legen sich alle mächtig ins Zeug. Es ist mir schleierhaft, wie wir das sonst ohne die viele Hilfe hätten schaffen wollen. Plastikgeschirr ist verpönt, in den Augen der Georgier ein Verbrechen. Wenn, dann höchstens für ein Picknick zugelassen. Nebenbei: da wird es dann gleich im nächsten Gebüsch entsorgt. Der Müll ist eine Plage. Obwohl die Georgier sehr stolz auf ihr Land sind, werden die Plastikflaschen, Trinkdosen, Verpackungen und weiss der Geier was noch alles einfach weggeworfen. Wir brauchten einige Zeit, bis die Arbeiter keine Zigarettenstummel mehr wegschmissen. Ich reagiere wie eine Furie, wenn ich es wieder einmal feststelle. Bin da ziemlich hilflos. Ich drehe die Zigaretten und stecke den Stummel in eine meiner Hosentaschen. Wenn ich vergesse, die rauszunehmen, ist bei Regina und ihrer Wäsche der Nikotingeschmack und die Freude riesig. Ich gelobe Besserung.

Wenn Georgier ein Fest feiern, wollen sie alle an einem Tisch sitzen, alle Speisen gleichzeitig sehen und wo immer sie sitzen zugreifen können. Das alles in Gefässen für die Aufbewahrung und den Service bereitzustellen, ist eine logistische Herausforderung. Der Kampf um Kühlung ist gross. Die Gäste arbeiteten, die Nachbarn lieferten Geschirr, Besteck, Wein, Dessert und zwei Gerichte. Mehrmals wurde ich ins Dorf geschickt, um Vergessenes zu besorgen. Trotzdem blieb immer wieder neue Arbeit zu erledigen. Für die Aufhängung der Spanferkel mussten Spiesse hergestellt werden. Sprich: schneiden und schweissen. Um das ganze Haus herum lag immer wieder neuer Bauschutt, Zurückgelassenes und mehr. Mir kommt es so vor, als ob ich aufräume und vor mir dauernd wieder was liegen- und fallengelassen wird. Das Reinigen ist noch einmal eine andere Geschichte. Am Vortag des Festes war die Versuchung, mich mit den neuen Gästen (Marko und Werner) zu unterhalten grösser, als mich eben vorzubereiten. Regina wurde stinksauer und ich erledigte diese Arbeit am Geburtstag, bevor die Gäste eintrudelten. Jeder wie er kann und will…



Georgische Gäste und Freunde waren skeptisch, als sie sahen, wie ich das Spanferkel grille – auf argentinische Art. Einige stecken bei Ankunft und der georgischen Kontrolle ihre Gabeln oder Messer in das Fleisch und beurteilen das Ganze. Ich stehe sprachlos daneben und staune über die Selbstverständlichkeit, die ich eher als unverfroren wahrnehme, die hingegen hier gang und gäbe ist. Jeder weiss, wie es geht und wie es sein muss. Alles, was neu ist oder anders daherkommt, ist zuerst einmal falsch. Wenn sie hingegen das Resultat sehen, testen, schmecken, sind sie sehr wohl bereit, Neues zu integrieren. Originalkommentar: «Wir bleiben mindestens bis die Sauen bereit sind.» Die zwei Schweineköpfe und 8 Füsse aus dem Erdloch werden mit grossem A und O gegessen. Aroma ohne Ende. Kein Wunder: einfacher geht Kochen nicht. In einer Schüssel die beiden Köpfe mit viel wasserhaltigem Gemüse (Tomaten, Zucchetti, Peperoni, Zwiebeln), Knoblauch, sehr viel Estragon, Kurkuma, Chili, Pfeffer, Paprika und ohne Salz anrichten. Alles ergänzt mit ein paar Butterflocken (250 Gramm – grins). Erdloch ausgehoben, etwa ein Meter tief und dann 3 Stunden lang Glut produzieren. Diese mit Sand zudecken und die Schüssel mit den Schweinen «drecksicher» hineinstellen. Das Loch vorsichtig mit Sand und Erde wieder zudecken und darauf ein neues Feuer machen, sozusagen ein Naturofen mit Ober- und Unterhitze. Nach 5 Stunden war das Resultat umwerfend!



Am Tag danach setze ich bei der ersten Gespann-Ausfahrt nach meinem Geburtstag und als Premiere überhaupt meinen Seitenwagen, den Zeus, in den Graben – mit Cynthia an Bord. Als ob das nicht reicht, versuche ich kurz danach, eine Kuh fliegend im Beiwagen einsteigen zu lassen. Dabei müsste Cynthia für den Rückflug auf den Flughafen. Sie schaut mich verdattert an. Meine steigende Müdigkeit ist auch ein wenig überraschend. Das Fest wurde bereits um 1:30 Uhr vom Regengott beendet. Da ich immer wieder viel Wasser zwischen dem Wein trank, fühlte ich mich nicht betrunken. Umso überraschender war das beschriebene am nächsten Tag.



«Die Andere» ist ein kleiner Hund, etwas grösser als ein Rehpinscher. Jetzt heisst sie Selapi. Da sie ihre Hinterläufe nachzieht und so eher wie ein Seehund wirkt, fanden wir den Namen passender. Wir brachten sie zu einem Tierarzt zum Einschläfern. Dieser befand, sie brauche Vitamine und alles wird gut. Ich war anschliessend gefrustet und heute unglaublich erleichtert, dass der Tierarzt so vorging. Selapi bringt uns mit Situationskomik viel zum Lachen. Die unverschämte Frechheit, verbunden mit einer riesigen Portion Mut, löst bei Regina und mir Respekt aus. Wir geben diese unvergleich­bare Hündin nicht mehr her. Marko, der Holländer, hat sie noch mehr ins Herz geschlossen und verarztet und hätschelt sie mit einer unglaublichen Hingabe. Am Tag der Abreise ist er hingegen etwas frustriert. Er hat Selapi mit ins Zelt genommen und zu seinen Füssen schlafen lassen. In der Früh hat dann Selapi ihre grossen und kleinen Geschäfte erledigt. Ideal, um mit jeder Bewegung alles zu verschmieren. Es zeigen sich erste Anzeichen von teilweise funktionierenden Nervenbahnen in den Hinterläufen. Die Windeln die Marko und ich als «Windelexperten» gekauft haben sind etwas zu klein geraten. Daher näht Regina für Selapi eine robuste Hose. Ergänzt mit grösseren Windeln können tagsüber die Wunden trocken bleiben und abheilen. Das Nachschleifen der Hinterläufe und die «Fähigkeit», keinen Schmerz zu spüren, verführen Selapi oft zu grösseren Ausflügen und Abenteuern, die sie eigentlich vermeiden sollte. Daher hat Selapi jetzt eine persönliche Beschützerin – aktuell Vera, Reginas Mutter.



Eines Abends ein lange ersehnter Anruf: «Ich bin in Hopa (Türkei) und komme morgen über die Grenze nach Georgien.» In der Nacht war an Schlaf wenig zu denken. Res kommt mit seiner «Trudy» den ganzen Weg aus der Schweiz gefahren. Das Stahlross «Trudy» hat Teile von Ural, Suzuki, Kawasaki und Autoteile verbaut und sieht rattenscharf aus. Und «Trudy» ist verlässlicher als sein Fahrer Res, der mit knapp 67 Jahren schon den einen oder anderen Knochen spürt. Ich lasse mir das nicht nehmen – Arbeit hin oder her – und hole ihn in Sarpi mit dem Zeus, meinem Seitenwagen, ab. Dies ist gleichzeitig die erste Ausfahrt, die ich allein mache. Ohne Karte und Navi geht es auf den Weg. Die Aufregung ist so gross, dass ich mich sehr sommerlich anziehe und dann selbst beschimpfe. Denn es wird kalt, saukalt. Die nasse Kälte fährt durch Mark und Bein, obwohl es gar nicht regnet. In Sarpi bin ich steif und durchgefroren und erst nach einer halben Stunde wieder einigermassen aufgewärmt. Anstatt die Hauptverbindungsachse zu nutzten, fuhr ich querfeldein und orientierte mich an der Sonne, die sich hinter den Wolken versteckt. Zweifel kriechen hoch, ob ich richtig fahre. Sobald hingegen ein mir bekannter, unaussprechlicher Name auftaucht, kehrt die Sicherheit zurück. Die Strecke brockt mir noch knapp 15 km Schotter und Löcher ein. Der Zeus Side-Bike hat nur knapp 20 cm Bodenfreiheit. Ansonsten aber ist die Strecke sensationelles Seitenwagen-Gebiet. Kurven und enge Kehren wechseln sich ab. Aber des Öfteren sind wieder Kühe, Schweine, Enten und Hühner auf der Strasse. Bei der Ankunft in Marani mit Res bin ich so berührt, das mir schon zwei, drei Tränen runterkugeln als wir hupend eintreffen.



Wir machen weitere Ausfahrten, Schnee inklusive. Einmal sogar mit Plattfuss an meinem Zeus, was uns einen extra Tag kostet, da an Ostern die Georgier allesamt nicht arbeiten. In Georgien kann man sonst sieben Tage die Woche durchgehend einkaufen. Am Sonntag meistens schon ab 6:00 Uhr morgens. Res quälte sich und seine Trudy in Mestia noch bis Usghuli hoch – Respekt. Ich hatte mir den Reifen an den scharfkantigen Steinen aufgeschlitzt und fuhr noch etwa 5 Kilometer mit Plattfuss weiter den Berg runter nach Mestia. In der Pampa gibt es keine Chance, das zu flicken. Das hat die Felge nicht geliebt Jetzt wird sie als Ersatzrad eingesetzt. Ich hatte wohlweislich noch eine Originalfelge im Container mitgenommen. Als ob ich wusste, dass das wichtig werden würde. Res meinte trocken: «Hast du nicht gemerkt, dass du einen Plattfuss hast?» Ein Plattfuss am Seitenwagenrad führt üblicherweise zu einer extremen Lärmsteigerung und einer Schüttelpartie.



Res blieb bisher am längsten und hat viele Spuren hinterlassen, die ich jetzt tagtäglich nutze und schätze. So werde ich an seinen Besuch und die gemeinsamen Erlebnisse und Gefühle erinnert, egal, ob ich auf das Nachbargrundstück gehe, das Tor nutze oder einfach Licht mache oder das Werkstattor öffne. Erleichtert bin ich, dass Res das Missgeschick beim Entladen der Gartenbank gleich selbst in Ordnung brachte und reparierte.



Mit Cynthia, Werner und Marko mit Seitenwagen und der ganzen Kardashian-Familie ging es am Mittag nach dem Geburtstag nach Vani zum Sulfatbad. Die Anlage liegt an einem Fluss und wäre so schön, wenn nicht so viel Müll rumliegen würde. Da nützt das Schild auf Georgisch und Englisch «Keinen Müll zurückzulassen!» wenig. Ebenso wenig wie die beiden leeren Müllcontainer. Ein Sulfatbad sollte nie länger als 30 Minuten dauern, der menschliche Kreislauf verträgt nicht mehr und es schadet mehr als es nützt.



So kurz die Strecke nach Vani ins Sulfatbad ist, so viel Erlebnisse bietet sie. Der Zeus landete bei der Zufahrt von der Hauptstrasse, die mehr Wanderweg als Strasse ist, im Graben und es gab keine Chance, das Gespann von Hand wieder in die Gänge zu bekommen. Wagenheber, Seil, Steine, Bretter und ein Auto machen es schliesslich wieder flott. Die Krönung war der «Versuch», eine Kuh während der Fahrt zusteigen zu lassen. Mein Anteil daran war, dass ich zu nachlässig und unaufmerksam daran vorbeifuhr. Zum Glück gab es nur einen kleinen Schaden an der Stützstrebe des Seitenwagen-Daches. Der Wink mit dem Zaunpfahl kann aber deutlicher nicht sein: Gerold, du bist in Georgien! Die Strassen Georgiens erfordern einen Fahrstil mit viel Aufmerksamkeit, Voraussicht und Intuition. Hupkonzerte werden zum Grüssen – «lass mich vorbei» – «ich biege ab» – «mach vorwärts» – «Achtung, ich bin neben dir und überhole» – sowie zum Vertreiben von Hunden, Kühen und Schweinen, oder einfach aus Prinzip eingesetzt. Nicht ganz so viel wie in Indien oder Sri Lanka, doch viel öfters als in Europa. Dazu kommen immer wieder Überholmanöver, die in der Schweiz den Ausweisentzug zur Folge hätten. Hier schaut die Polizei diesen Manövern tatenlos zu. Abbiegen und Einbiegen lasse ich jetzt mal aussen vor. Ich verstehe sowieso nicht, nach welchen Kriterien sie Autos anhalten, kontrollieren und die Fahrer büssen. Geschwindigkeitsbussen sind schneller auf dem Handy, als ich nach Hause fahren kann. Richtig, die Bussen, werden per SMS direkt auf das Handy übermittelt. Soviel zum rückständigen Land Georgien.



Die Schwierigkeit ist in Bezug auf den Schaden am Zeus: wir finden in Kutaissi kein Material für die Reparatur des Polyesters. Morgen versucht Regina, es in Poti (Schwarzmeer-Hafen und Ost-West-Verbindung nach Rumänien) und im Las Vegas Georgiens, in Batumi zu besorgen. Ihr Sohn Mathias und Mutter Vera sind zu Besuch. Wo Schiffe sind, gibt es sicher Material für die Reparatur. Cynthia hat den Flieger für die beiden quasi nach Prag gebracht und reiste weiter in die Schweiz, während Mathias und Vera sich auf den Flug nach Kutaissi begaben. Im gleichen Flugzeug, das Cynthia nach Prag brachte.



Der Rapid (Traktor) zickt auch. Die Zündung ist hinüber und Ersatzteile gibt es nur in der Schweiz. Der Vorbesitzer hat improvisiert und die Köpfe für die Zündauslösung etwas abgeschliffen. Kurzfristig war das eine super Idee, doch auf Dauer leider eher eine temporäre Lösung. Nun heisst es, entweder warten, bis ich aus der Schweiz die Teile mitbringe oder wir lassen sie per Kurier liefern und werfen 90 Euro für den Transport auf. Was macht mehr Sinn?



Zwischen all den Besuchen, Feiern, Bauen gab es auch einige andere Aufgaben. Baumaterial einkaufen, Mähen, Unkraut jäten, Baureste zusammentragen, Ordnung schaffen um das Haus herum und immer wieder das Werkzeug überprüfen und zusammensuchen. Die Axt sieht eher wie eine Säge aus. Ich staune, was Georgier alles innert kürzester Zeit zerstören oder unbrauchbar machen können. Egal was es ist: Zangen, Schraubenzieher, Hobel, Hammer, Schaufel, Säge, Winkelschleifer, Verlängerungskabel, Schleifmaschine und so weiter. Die Transporte mit dem Rapid häufen sich ebenso: Bauschutt, Kehricht, Wein, Holz, Metall, Kies, Sand, Umzugsgut und immer öfters Einkauf verbunden mit Benzin- und Diesel-Nachschub. Dazwischen sich der Katzen erwehren und das Essen verteidigen. Das tägliche Kochen für 6 bis 12 Personen ist so etwas wie die Schaumkrone obenauf. Am Mittwoch und Freitag gibt es vegane Küche aus religiösem Hintergrund. Jeder Anwesende hat irgendwas, das er wenig mag und wer arbeitet, will sich Kalorien zuführen. Daher ist es von Vorteil, auf diese Einzelfälle einzugehen.



Mein tägliches Morgenritual ist es, die Hunde und Katzen zu füttern, die Hühner, Hasen, Meerschweine und die von den Hunden übriggelassene Ente rauszulassen. Dann erst einmal Kaffee kochen, Spülmaschine ausräumen und andere Hausarbeit. Dann kommt der Tretminenrundgang. Bewaffnet mit zwei Schaufeln, die über sehr kurze Stiele verfügen, suche ich das Gelände nach Hundescheisse ab. Die wird biologisch verbrannt oder vorteilhaft unter Büschen parkiert. Wenn das alles gemacht ist, schnell duschen. Das Vogelgezwitscher morgens und tagsüber ist grandios. Das möchte ich nicht mehr missen. Aktuell schreibe ich am Blog mit Sichtkontakt zum Specht. Dieser hämmert und zwitschert auf dem Strompfosten begleitet von anderem Vogelgezwitscher. Die Rauchschwalben begrüssen mich morgens schon von weitem. Abends haben wir sogar Glühwürmchen auf dem Grundstück. Fantastisch anzusehen und je länger ich ins Dunkel schaue und erkenne, umso mehr Glühwürmchen entdecke ich. Wie auf einer Safari muss das Auge muss geschult werden. Froh und erleichtert sind wir, dass wir den Zaun fertiggemacht haben und sich jetzt weder Kühe, Schafe noch Schakale auf das Grundstück «verlaufen».



Der Septiktank für die Kanalisation ist montiert und alle Anschlüsse der insgesamt vier WC und Duschen fast fertig verlegt. Die Montage ist eine eigene Geschichte mit gutem Ende. Die Crew kam am Tag zuvor ca. 14.00 Uhr. Alles was sie taten war, einen Bagger zu organisieren, anstatt das vor Ort liegende Material auf Vollständigkeit zu überprüfen. Ohne Werkzeug zu erscheinen und am Montagetag dann 3 Stunden zum Einkaufen fahren für Dichtungen, Silikon und andere fehlende Teile war des Guten zu viel!



Die beiden Treppenaufgänge müssen ersetzt werden, denn wir bauen in diesen Aufgängen zwei WC mit Dusche und den Technikraum ein. Die Treppen bauen wir aus Fertigbetonelementen. Das ist am preiswertesten und schnellsten. Doch die Fertigteile sind schwer. Zu viert haben wir insgesamt 32 Stufen ausgeladen. Eine Knochenarbeit. Das Dach mit dem Balkon, von dem wir den Sonnenaufgang/-Untergang und den Gossen und den Kleinen Kaukasus sehen können, ist schon fast fertig. Es fehlen noch die Isolation für das Zimmer, das Balkongeländer und die Schiebefenster. Dort wird es auch ein grosses Zimmer für temporäre Schlafunterkünfte geben. Das ist eher Arbeit für Regentage.

Aus den Holzbalken, die ich in Rubigen als Terrasse genutzt habe, wurden hier zwei Viermetertische. Sie sind mitten unter den Bäumen im Garten aufgestellt, flankiert von Haselnussbüschen, Kirsch-, Kurma- (Kaki) und Apfelbäumen. Die temporäre Konstruktion muss noch etwas überarbeitet werden. Sie hat das Fest gemeistert und sich bewährt, doch dauerhaft braucht es andere Füsse. Die Nässe würde alles viel zu schnell zerstören. An unseren Tischen ist den ganzen Tag irgendwo Schatten, und so ändert sich die Sitzordnung laufend.



Die Tschechen haben Georgien für sich entdeckt. Wöchentlich kommen zwei Flieger von Prag. Das führte zu einer Facebook-Gruppe, in der ausgetauscht und viel Nützliches über die Zugänglichkeit einzelner Orte vermittelt wird. Auch Wanderrouten, preiswerte Übernachtungen und Restaurants sind ebenso Themen wie Camping- und Wanderausrüstung. Egal was ich wissen will, ich kann die Frage dort in die Runde werfen. Regina sah die Reste vom Fest und meinte «ich teile das der Facebook-Gruppe mit: Wir haben für 6 Personen Platz zum Schlafen mit reichhaltigem Frühstück.» Das ergab dann sechs spontane Besucher aus Tschechien, die morgens um 4:00 Uhr mit Mathias und Vera ankommen. Der Museumsdirektor geht jährlich mit seinen fünf engsten Mitarbeiterinnen eine Woche auf Kulturreise. Alle bezahlen das aus eigener Tasche. Sie sind bereits das vierte Mal hier in Georgien und geben uns genauso grosszügig Hinweise.



Um 10:00 Uhr dann ein reichhaltiges Frühstück für alle. Irgendwie müssen die Reste meines 60. Geburtstagfestes gegessen werden. Das dauert länger als geplant und Abfahrt ist erst gegen 13:00Uhr. Peter und Monika sind ein junges tschechisches Paar, das mit einem georgischen Teilhaber eine Bio-Teeplantage betreibt. Sie kommen zu einem Spontanbesuch während ihrer Kundentour. Sie geben uns drei Tipps für schöne Unterkünfte, die wir nächstens selbst in Augenschein nehmen werden. Peter kennt den Inhaber, der Heliskiing in Georgien mit europäischem Service anbietet. Das ist nicht selbstverständlich. Die Servicequalität ist hier oft grenzwertig. Georgier kennen Kundenservice nicht und sind erst am Lernen. Wer mit grossen Noten, 50er oder 100er bezahlen will, kann schonmal in einen anderen Laden geschickt werden, da schlicht kein Geldstock für das Retourgeld vorhanden ist. Auf dem Markt gibt das immer wieder herrliche Episoden.



Mamuka ist die menschliche Wikipedia Version von Georgien und dessen Geschichte. Er zeigt uns (Cynthia und mir) alle Grundformen der georgischen Kirchen, Uplisziche, Mzketa und die Heeresstrasse hoch bis Stephansminde. Es geht bis auf 2'500 Meter über Meer und auf der rechten Strassenseite der Heerstrasse sind fast durchgehend Lastwagen parkiert. Wenn LKW entgegenkommen oder Georgier wieder eines ihrer absurden Überholmanöver tätigen, wird es eng. Für mich erstaunlich, dass es doch irgendwie geht. Keine Ahnung wieso.



Dank Mamuka wissen wir, wo wir in Kutaissi am ehesten Reifen bekommen, wo am besten Holz eingekauft wird, wer preiswerte Metallarbeiten durchführt und Material verkauft. Auch für unsere Recycling Bauvorhaben wissen wir jetzt, wo wir Flaschen bekommen oder wer hochwertige Queveri (Tongefässe für die Weinherstellung) produziert. Flaschen im Mauerwerk können wunderbare Lichtspiele produzieren. Wir wollen mit Lehm bauen und auch da hat er für uns einen Lieferanten gefunden. Wie das Strassenverkehrsamt funktioniert und wo die vielen Aussenstellen sind, die wir für die Fahrzeuganmeldungen anfahren, weiss er ebenso. Zu Weihnachten durften wir eine georgische Supra bei ihm zu Hause erleben. Das waren berührende Momente. Mamuka kennen wir dank Jürg Wyss, der seine Wartezeit wegen Covid teilweise in Georgien überbrückte, bis er auf die Philippinen weiterreisen konnte. Er hat bei ihm in Kutaissi ein Zimmer gebucht und uns vorgestellt. Mamuka ist aktuell unser einziger englischsprechender Kontakt in Georgien. Ansonsten sprechen Georgier als Fremdsprache eher Russisch und da kann Regina mit ihren Russischkenntnissen brillieren.



So erweitern wir unser Netzwerk Schritt um Schritt und können das Land Georgien und unsere Umgebung auf eine ganz andere Art kennenlernen. Wer zu Besuch kommt, kann in Kürze Toilette und Dusche mit europäischem Standard benutzen. Kein Vergleich zu dem aktuell oft hygienischen Desaster. Doch seitdem unser Mitbewohner ausgezogen ist, sind die Unzulänglichkeiten der Dusche und Toilette eher die Ausnahme.


Der Auszug unseres Mitbewohners wäre ebenso einen Blogbeitrag wert. Kurz gesagt: es ist wie mit Suchtkranken. Sie müssen zuunterst am Boden ankommen und noch etwas tiefer fallen. Wer hilft und unterstützt, ist mehr der Verlierer als nützlich. Wir hätten dem Mitbewohner im November letzten Jahres bereits als neue Besitzer des Grundstückes das Wohnverhältnis auflösen können, aber wir verzichteten. Den potenziellen Ärger haben wir quasi auf Mai verschoben. Egal, wir sind am Lernen und wollen ja den Austausch zwischen Georgiern und westlichen Menschen, Kulturen, Arbeitstechniken fördern. Daher helfen uns diese Episoden für ein differenzierteres Verständnis der Eigenarten der Menschen in Georgien. So wie es den wirklichen Schweizer nicht gibt, ist es auch mit den Georgiern. Je nach Erziehung, Region und Abstammung drücken unterschiedliche Traditionen und Prioritäten durch. In der Schweiz könnten Bündner, Obwaldner, Tessiner, Walliser, Zürcher, oder Welsche kaum unterschiedlicher sein. Das ist kein Thema des Dialektes. Da spielen viel mehr Facetten mit.



Wir werden von so vielen Eindrücken (positiven und negativen) regelrecht geflutet. So stärken wir unsere Einsichten und Kenntnisse. Wirtschaftlich nehmen wir wahr, dass vieles für die Bevölkerung und den Tourismus unternommen wird:

· Zahlungen sind an Automaten an der Strasse machbar ohne Bank/Post

. Einzig ein Handy und das nötige Geld dazu ist Voraussetzung

· Internet und Telefonie: In Kürze verfügen wir über Glasfaseranschluss

· Strasse zum und um den Flughafen ist komplett neu ausgebaut worden

· Beleuchtung Strasse neu

· Güterverkehr vorwiegend am Abend auf der Schiene

· Ost-West-Transportroute neu auf der Schiene bis nach Rumänien möglich (China/Russland)

· Aufbruchstimmung mit vielen neuen Geschäften (Bau, Landwirtschaft, Tourismus)

· Das Kulturzentrum in Marani wird renoviert, eines von vier Kultur-Grossprojekten Georgiens

· Quartierstrassen und Dorfverbindungen sind oft in besserem Zustand als die Hauptachsen

· Autobahn ist rund um Kutaisi beleuchtet und neu bis fast nach Marani



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